STREIFENWEISE

Kultur | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 09/03 vom 26.02.2003

Warren Schmidt ist ein dirty old man - jedenfalls, seit zum Pensionsschock auch noch der unerwartete Tod seiner Frau hinzukam. Mit der neuen Freiheit kann der ehemalige hochrangige Versicherungsangestellte nichts anfangen: Mit dreckigem Pyjama unterm Trenchcoat hortet er Tiefkühlnahrung und verwüstet die ganz als eheliche Eigenheimhölle eingerichtete Wohnung in kürzester Zeit. Dass Alexander Paynes Film "About Schmidt" mit der Romanvorlage von Louis Begley nach Gutdünken verfährt, die l'amour fou Schmidts mit einer um vieles jüngeren Kellnerin einfach weglässt und den Helden selbst von einem eloquenten urbanen Ostküstenanwalt zu einem sentimentalen Siemandl aus Nebraska macht, ist die eine Sache; Plausibilität die andere. Und dass sich einer, der 42 Jahre lang geschneuzt und gekampelt ins Büro gekommen ist und auch den letzten Arbeitstag noch auf die Sekunde absitzt, dermaßen gehen lässt, bleibt sehr unwahrscheinlich. In seinem appetite for the cheesy, für die mit Gusto am Ungustiösen ausgestellte Lächerlichkeit seines von Jack Nicholson mit bravouröser Verhaltenheit und großem Mut zur Hässlichkeit dargestellten Helden schießt Payne mitunter übers Ziel, weidet sich an der Unbedarftheit seiner Figuren. Man kann "About Schmidt" aber auch zugute halten, dass die Peinlichkeiten, die er ausbreitet, wirklich weh tun. So wie Schmidt mit seiner Tochter, seinem dumpfbackigen Schwiegersohn und dessen triebstarker Mutter nicht wirklich etwas anzufangen weiß, so kommt der Zuseher auch ihm nicht näher. Schmidt bleibt verkapselt in seiner Wut und seinem Selbstmitleid, allein in den Briefen an sein für 22 Dollar im Monat adoptiertes afrikanisches Waisenkind gibt er etwas von sich preis - wenn auch gewiss nicht die Wahrheit über Warren Schmidt.


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