AUFGEBLÄTTERT

Kultur | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 10/03 vom 04.03.2003

Die Gewichtigkeit eines Buches ist nicht notwendig direkt proportional zu seinem Umfang. In der schmalen "Sprechsonate" "Redner rund um die Uhr" von Gert Jonke etwa steckt so viel, dass man sich nach der Lektüre "mit einem Kübel voll verwirrender Klarheit überschüttet" fühlt, wie es an einer Stelle so schön heißt. Rund um die Uhr muss der Titelheld übrigens deswegen reden, weil ihm der eigene Mund andauernd den Mund verbietet und dazwischen redet; erst in der vollständigen Erschöpfung des eigenen Mundes scheint der Sprecher eine Chance zu haben, endlich zu sich zu kommen. Schließlich erwägt er, mit der Autorität der Schrift alles "vorzuschreiben", was der Mund sagen kann. Jonkes poetische, zwischen Begrifflichkeit und Klanglichkeit oszillierende Rede hält die Paradoxien der Kommunikation und deren Utopie zugleich fest, indem sie das Eigene immer auch als das Fremde denkt und in der Dialektik von Selbstgewinn und -verlust im Akt des Sprechens vorführt.

  Vom Kampf um Selbstbestimmung


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