Der Fastenfisch

Stadtleben | THOMAS PRLIC | aus FALTER 10/03 vom 04.03.2003

BRAUCHTUM. Am Aschermittwoch gibts Heringsschmaus - nicht nur für Fastende und Enthaltsame.

Am Aschermittwoch ist Schluss mit lustig: Der Fasching ist vorbei, und die vierzigtägige Fastenzeit beginnt. Auch wenn es die meisten Leute mit der Enthaltsamkeit vor Ostern nicht so streng nehmen, kommt in vielen Haushalten am Aschermittwoch kein Fleisch auf den Tisch. Dafür gibts an diesem Tag traditionellerweise Fisch - als Heringsschmaus.

"Hering war früher das Arme-Leute-Essen überhaupt", erklärt Johann Truppe, Fischfachmann und ehemaliger Großhandelschef der Firma Cerny-Nordsee-Österreich. Während die Klöster häufig ihre hauseigenen Fischteiche hatten, konnte sich die arme Bevölkerung nur billigen Meeresfisch leisten. Auch Krebse galten früher als Essen für arme Leute. Die Stadt Hamburg erließ sogar einmal eine Verordnung, die es dem Gesinde verbot, die Schalentiere öfter als zweimal pro Woche zu essen. Hering hat sich bis heute als Aschermittwochs-Fastenmahlzeit gehalten und ist in jedem Supermarkt auch das ganze Jahr über immer noch relativ günstig zu bekommen. Sei es als eingelegtes Filet vom Matjes (dem noch nicht geschlechtsreifen Hering), sei es als mild gesäuerter Bismarck-Hering im Glas. Der Heringsschmaus selbst besteht meist aus einem hausgemachten Salat mit - je nach Familientradition - viel Mayonnaise, Sauerrahm, Bohnen, Kartoffeln und Äpfeln, bisweilen wird er auch mit roten Rüben verfeinert. In der Nobelgastronomie ist der Schmaus bisweilen ein richtig üppiges Gourmetbuffet - mit Hummer, Räucherlachs und sämtlichen erdenklichen anderen Meerestieren.

Abgesehen von Brauchtum und Fastenvorschriften gibt es allerdings ohnehin noch einen anderen guten Grund, am Aschermittwoch Hering zu essen. Nicht umsonst gelten Rollmöpse und die deftigen Teufelsroller als ideales Anti-Kater-Mittel. Vorausgesetzt, der Magen ist nach einem ausufernden Faschingsdienstagsgelage bereit für ein kleines bisschen sauren Fisch.


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