STREIFENWEISE

Kultur | MICHAEL OMASTA | aus FALTER 11/03 vom 12.03.2003

Think positive! Tumbe Befehlsempfänger werden zu "Schlüsselkräften", Arbeitslose zu Leuten, die "vorübergehend ohne Beschäftigung" sind. Egal, ob vom nuklearen Overkill die Rede ist oder schlicht von unserem Alltag: Der Ernstfall möge - schon auf semantischer Ebene, bitt schön - tunlichst vermieden werden. Wie, das zeigt das vorerst letzte Programm der dokumentarischen Filmreihe "Unter Kontrolle", das sich unter dem Titel "Lernen fürs Leben" ganz den zweifelhaften Errungenschaften der "Kontrollgesellschaft" (Gilles Deleuze) widmet. "Missiles" von Frederick Wiseman (1988), gleichsam ein dokumentarisch gewendetes Remake von "Dr. Strangelove", stattet Luftwaffenkadetten der US-Armee einen Besuch ab, die auf ihrem Stützpunkt bei Kaffee und Kuchen engagiert über Sinn und Unsinn des nuklearen Overkills diskutieren. "Überlebensstrategien" anderer Art beschreibt "Leben - BRD", ein Filmessay von Harun Farocki (1990): Geburtsvorbereitungskurse, Coachings für Langzeitarbeitslose, richtiges Verhalten bei einem Banküberfall - ein Volk, das sich, lang vor Erfindung der Ich-Aktie, unermüdlich selbst trainiert.

  Flankiert werden diese beiden Klassiker von zwei experimentellen Kurzfilmen der jungen deutschen Filmemacherin Anke Limprecht, "Maßnahmen des Verwaltungsamtes zum Schutz von Kulturgut" (2002) und "Lehrfilm über die Rekonstruktion von Stasiakten" (2000): zwei wunderbare, quasi kulturarchäologische Arbeiten, die mitten hinein ins Herz der Finsternis, den (deutschen) Verwaltungsapparat, führen, dem, anders als Filmen und Menschen, kein Leben auf Zeit, sondern in alle Ewigkeit bestimmt ist. Im Anschluss an die Vorführung (Filmhauskino: Mi, 12.3., 19 bzw. 21.30 Uhr) findet eine Publikumsdiskussion mit der Regisseurin statt.


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