KUNST KURZ

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 12/03 vom 19.03.2003

Als bei Carl Fredrik Hill 1877, im Alter von 28 Jahren, eine Psychose ausbrach, hatte der norwegische Künstler bereits ein Studium der Landschaftsmalerei und eine wenig erfolgreiche Laufbahn in den Pariser Salons hinter sich. Nach mehreren Klinikaufenthalten wurde der ehemalige Freiluftmaler der Obhut seiner Familie übergeben und verbrachte die Jahre bis zu seinem Tod 1911 in Hausarrest. Die Bawag Foundation, die schon 2000 mit Heinrich Anton Müller eindrucksvolle Außenseiterkunst präsentierte, zeigt jetzt (bis 20.4.) einige der "gesunden" Ölgemälde Hills und viele seiner visionären Tinte-, Tusche- und Kreidezeichnungen. Isoliert von seiner Umwelt, experimentierte der Norweger mit Techniken und Bildwelten, die erst Jahre nach seinem Tod vom Surrealismus "erfunden" wurden. Etwa das Zeichnen in einer Linie ohne Absetzen des Stiftes, das Hill souverän für Gruppenbilder nackter Figuren benützte, oder die Integration von Texten in seine Bilder, die die surrealistische "écriture automatique" vorwegnahm.

  Neben modern reduzierten, farbigen Kreidezeichnungen von Tieren und Landschaften kippen etliche der sinnlichen Kohlezeichnungen leicht ins Alptraumhafte. Etwa wenn kleine männliche Figuren auf riesenhaften Frauenkörpern verloren zu gehen scheinen. Besonders eigenwillig gestaltete Hill drei Tintezeichnungen auf Karton, die von einer klassizistischen Architektur dominiert werden: Vor überlangen Säulen, Podesten und Treppen tummeln sich eigenartige Raubkatzen. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Ornamente im Hintergrund als winzige Gruppenbilder und stellen sich als genial komprimierte Zitate klassischer Schlachtenbilder und Bibelszenen heraus.


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