Schreiben als Flucht

Extra | JULIA HARLFINGER | aus FALTER 12/03 vom 19.03.2003

ZEITGESCHICHTE. Im Februar 1945 starb der österreichische Schriftsteller Emil Alphons Rheinhardt im KZ Dachau. Vor seiner Deportation hatte er in südfranzösischen Gestapogefängnissen Tagebuch geführt. 

Samstag, 22. Jänner 1944 (Nizza): "Gestern beging ich eine schreckliche Dummheit. Zwei Leute kamen ins Verhörzimmer. Der eine sah so leidend aus - wie am Zusammenbrechen. Ich fragte ihn teilnehmend: Haben sie Sie misshandelt?' Wer?' Na sie!' Er sah mich an, zuckte die Achseln und drehte sich um. Dann sagte der Wachsoldat: Aber der ist doch von der Gestapo!'"

  So klingen die Miniaturen über Emil Alphons Rheinhardts Alltag im "Hungergefängnis", niedergeschrieben zwischen November 1943 und April 1944 in drei südfranzösischen Gestapogefängnissen. Notizen über die Kälte, die Monotonie und Schikanen, die Enge der Zelle, das Hoffen auf Briefe und Pakete, das Warten auf Anklage und Verurteilung. Das Schreiben ist für Rheinhardt, der in dieser Zeit 55 Jahre alt wird, ein Fluchtversuch


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