STREIFENWEISE

Kultur | DREHLI ROBNIK | aus FALTER 14/03 vom 02.04.2003

Nicht jede Intervention muss ein Luftschlag sein. "Divine Intervention", der in Cannes prämierte Film des Palästinensers Elia Suleiman, ist "eine Chronik von Liebe und Schmerz" (Untertitel) oder auch eine Chronik anekdotischer Nichtereignisse und kleiner Bosheiten. Grantelnde arabische Nachbarn in Nazareth, routinierte Schikanen an den Checkpoints der israelischen Armee: Ein eingeschliffener Alltag wird in Sketches und Details entfaltet - Slapstick als soziale Beobachtung, ein wenig wie bei Tati - und durch Interventionen gestört. Manche davon sind wundersam: Eine arabische Powerfrau im westlichen Business-Dress verwirrt die Soldaten, ihr bloßes Vorbeigehen lässt deren Wachturm einstürzen; später bekämpft sie, nun verschleiert, israelische Security-Machos.

  "Divine Intervention" meint auch störende Eingriffe in verlässliche Links von Ursache und Wirkung: Wenn der als wortloser Beobachter ins Bild kommende Suleiman einen Marillenkern aus dem Auto wirft, explodiert ein Panzer; wenn er weint, dann wohl deshalb, weil sein Volk leidet, sein Vater stirbt - oder weil er gerade Zwiebel schneidet. Beinamputierte Spitalspatienten erkennt unser (westlicher) Blick sofort als Bürgerkriegsopfer; dass sie alle Kettenraucher sind, ruft jedoch allmählich Gedanken ans "Raucherbein" wach. Intervention ist die Rettung der Situation vor der Eindeutigkeit. Zu Beginn läuft Michel Piccoli als Weihnachtsmann durch Nazareth - mit einem Messer im Rücken. Woher kommt es? Vielleicht aus Hitchcocks "The Man Who Knew Too Much". Ein Luftballon, mit grinsendem Arafat darauf, schwebt über Jerusalem: ein Luftschlag der Erlösung, ein digitaler Trick, Märchenhaftes im Lächerlichen und umgekehrt - göttlich und komisch.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige