AUFGEBLÄTTERT

Kultur | MARTIN DROSCHKE | aus FALTER 15/03 vom 09.04.2003

Leben wie im Märchen! Vor der Leidenschaft des Biedermeiers für Volksliteratur und ihre Bearbeitung mittels Weichspüler konnte dieser Satz nur als Drohung verstanden werden. Umschreibt er doch jene Brutalität, die den Alltag der kleinen Leute bis zur Industrialisierung prägte. Auch im kommunistischen Russland wurden Kinder geraubt - nicht anders als in "Rumpelstilzchen" - und Menschen aus Habgier vergiftet - nicht anders als in "Schneewittchen". Das will uns Svetlana Vasilenko in "Die Närrin" einbläuen und verpackt deshalb die Geschichte ihrer Heimat in ein böses Märchen vom staatlich misshandelten Mädchen Nadjka, das den christlichen Glauben zurück in die Herzen der zwangsatheistischen Bauern bringt. Inhaltlich zweifelsfrei richtig. Die Diktatur des Proletariats war eine Diktatur mit allen Schikanen. Aber wohin führt die Stilisierung einer roten Kinderpflegerin zur Hexe und die Verklärung eines Kindes, das ob einer Behinderung sozial aus dem Rahmen fällt, zur mythischen Lichtgestalt? Wohl nicht weiter als bis zum Geständnis, dass Russland über ein Jahrzehnt nach Gorbatschow noch immer traumatisiert ist und entsprechende Schwierigkeiten hat, auf direktem Weg auszusprechen, was ihm unter Stalin und Co widerfahren ist.

  Weniger traumatisiert sind die Menschen des Erzgebirges, einem der klassischen Armenhäuser Deutschlands. Kerstin Hensel, 1961 im damaligen Karl-Marx-Stadt geboren, hat mit "Im Spinnenhaus" ihren Entbehrungen ein liebliches Denkmal gesetzt. Der Roman, der hundert Jahre Geschichte von unten erzählt, demonstriert, wie leicht das Märchenhafte ins Konservative kippt, wenn es nur noch nahe legt, sich mit den Umständen abzufinden, und das negiert, was die "Anti-Heimat-Literatur" der späten Siebzigerjahre geleistet hat. Weshalb er momentan voll im Trend liegt.

Svetlana Vasilenko: Die Närrin. Aus dem Russischen von Esther Kinsky. Stuttgart 2003 (DVA). 192 S., E 19,50

Kerstin Hensel: Im Spinnenhaus. München 2003 (Luchterhand). 251 S., E 19,60


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