DRAMOLETT: Am Mexikoplatz

Kultur | ANTONIO FIAN | aus FALTER 15/03 vom 09.04.2003

"Autorin Marlene Streeruwitz sieht sich dem Zwang ausgesetzt, ,den Krieg abstrahiert mitdenken zu müssen': ,Plötzlich sind wir wieder auf dem mittelalterlichen Marktplatz.' Als ,lächerlichen, kleinen Schritt' verwende sie selbst das Wort ,Krieg' nur noch in umgedrehter Form (,Geirk'), um zu verhindern, dass es wieder in den Alltagsgebrauch Eingang finde."

("Der Standard" vom 21.3.03)

(Jetzt. Der Mexikoplatz. Auf einer Parkbank vor der Jubiläumskirche die Autorin Marlene Streeruwitz, in sich versunken, Augen geschlossen.)

STREERUWITZ (vor sich hin, übend): Geirk ... Geirk ...

(Ein Mann mittleren Alters in einem eleganten Staubmantel, ein Kebab essend, setzt sich neben sie.)

STREERUWITZ: Geirk ... Geirkgeirk ... Geirk...

DER MANN: Böser Husten.

STREERUWITZ: Geirkgeirkgeirk ...

DER MANN: Das klingt wirklich gar nicht gut. Brauchen Sie einen Arzt?

STREERUWITZ (öffnet die Augen, zum Mann): Lassen Sie mich in Ruhe.

(Schließt die Augen.) Geirk ... Redeiw ein -

DER MANN: Mit so was ist nicht zum Spielen.

STREERUWITZ: Greik redeiw ein ... Geirk redeiw -

DER MANN: Sie sollten unbedingt zu einem -

STREERUWITZ (öffnet die Augen. Zum Mann, wütend:) Lassen Sie mich in Frieden, sonst - ...

(Schließt die Augen.) Geirk ... Geirk ...

DER MANN: Ich mein nur, weil es kursiert da eine Lungenentzündung, das kann bös ausgehen.

STREERUWITZ (öffnet die Augen. Zum Mann, immer wütender:) Waun Se mi net endlich in Friedn lossen, kriag ma r an Kr- ... (Außer sich vor Wut:) Geirk!

DER MANN: Das wird ja immer schlimmer!

(Vorhang.)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige