Stadtrand: Oma-Marketing

Stadtleben | aus FALTER 17/03 vom 23.04.2003

Offenbar haben Marketingexperten jetzt was Neues entwickelt, um potenzielle Kunden von bestimmten Produkten zu unterscheiden: Unlängst rief mich eine hörbar betagte Dame an, um mir mitzuteilen, dass mein gratis Probeabo einer großformatigen Tageszeitung abgelaufen sei und ob ich ab sofort ein echtes Abo haben möchte. Ich sagte nein, ich könne mir eigentlich kein weiteres Tageszeitungsabo leisten - und vernahm sofort ein kleines Schluchzen am anderen Ende der Leitung. "Ist schon in Ordnung", sagte die Stimme sanft, "da habe ich Verständnis, wir haben ja alle kein Geld." Ohne den Versuch zu starten, mich zu überzeugen, legte sie auf und machte mir ein schlechtes Gewissen. Ein paar Tage später in einer Trafik gab ich meinen Lottoschein einer Dame, die das Auftreten eines alten Ufa-Stars hatte. Und über die entsprechenden darstellerischen Fähigkeiten verfügte. "Jetzt bin ich aber wirklich bös mit Ihnen", jammerte sie und schaute traurig. "Bei anderen spielen Sie um mehr Geld." Ich weiß zwar nicht, wie sie darauf kam, aber das überzeugte mich. Und die Vorstellung, dass ein Ufa-Star wegen zu geringer Lottoeinnahmen gekündigt wird, machte mir echt Angst: Ich legte noch zwei Tipps drauf. Und den Vertrag für das Tageszeitungsabo werde ich wohl auch noch unterschreiben. C. W.


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