VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 19/03 vom 07.05.2003

So ändern sich die Zeiten. Im Mai 1983 musste der Musikkritiker des Falter heftig Reklame für zwei Konzerte machen. Die Interpreten: Das Wiener Alban-Berg-Quartett und der italienische Pianist Maurizio Pollini. Der Grund: Beide hatten aufs Programm ihrer Konzerte Werke der zweiten Wiener Schule gesetzt, von Schönberg und Webern. Und zwar nicht zur Gänze, sondern nur für eine Halbzeit des Konzerts. "Für beide Abende sind noch Karten erhältlich, weil nun einmal hierzulande das Interesse für Kompositionen der Schönbergschule sich in bescheidenen Grenzen hält", merkte Falter-Kritiker Peter Oswald leicht verzweifelt an. Heute wäre so etwas völlig undenkbar. Der Falter darf sich schmeicheln, an dieser Entwicklung einen gewissen Anteil gehabt zu haben. Ich war übrigens damals selbst im Pollini-Konzert und erinnere mich an zweierlei. Erstens drehte Pollini die angekündigte Reihenfolge der Stücke um und begann nicht mit Schönberg, sondern mit Beethovens Hammerklaviersonate, was für den unvorbereiteten Hörer einen gewissen Schock bedeutete. Zweitens blieb er auch jenen älteren Damen gegenüber hart, die Webern und Schönberg aussaßen, bei den Zugaben nach vorne strömten und unter "Spiel Chopin!"-Rufen adäquate Belohnung forderten. Freundlich lächelte Pollini ins Auditorium und kündigte die nächste Zugabe an: "Scheenberg!" Falter-Leser waren derweil möglicherweise bei "der englischen Kultband 23 Skidoo". Die spielten "Neandertal-Funk für eine neue Steinzeit. Liplingsepoche: das mittlere Paläolithiküm. Lieblingserfindung: das Rad (der schwere Schlitten mit dem Steinblock ist viel leichter zu ziehen, wenn man ihm Baumstämme als Rollen unterlegt.)". Oder sie gingen zu Rhys Chatham und Band. Der ungenannte Rezensent (höchstwahrscheinlich Thomas Mießgang) eröffnete seine Vorschau mit der rhetorischen Frage: "Wer bitte kennt Rhys Chatham?" Um mit der schlichten Antwort zu trösten: "Ich!" A.T.


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