PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Sadys: Sanftmütige Dienstleister!

Stadtleben | aus FALTER 20/03 vom 14.05.2003

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: ... Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben ...

Joh 15,1-8 (Evangelium am 5. Ostersonntag im Lesejahr B)

Einmal war ich in einem Sadomasowirtshaus in Wien. Und verbrachte den Abend kniend am Pissoir. Ich konnte damals noch Bluejeans tragen, die meinen Arsch eng umspannten, was allein schon mich heiß macht. Jetzt, wo ich nur mehr eine Pyjamahose besitze und trage, und wenn die gewaschen wird, lieg ich im Bett, und wo im Laufe der Jahre Urintropfen gewisse Gegenden der dunkelblauen Frotteehose gelb werden ließen, liegt die Sache ästhetisch noch elender. Also, das wäre schon einmal der Beginn der Not. Dann bin ich natürlich überhaupt nicht mehr selbstbewusst, sondern alles ist mit festen Pfosten gepölzt in der Kathedrale meiner Seele. Und federt nicht viel. Alles verkarstet voll Sucht. Also müsste ich euch dies alles erzählen dürfen. Und weinen. Und ihr mit mir und mich umarmen und streicheln. Und nicht verspotten und mahnen, ratschlagen. Als wüsstet ihrs besser als ich. Denn im Internet sind die Millionen Fotografien. Jeder SM-Akt landet als Foto im Internet. Und darinnen kein Streicheln, kein Ei-ei-Geben. Nur leistungsstarke Masochisten beim Leiden. Eine Schmerzolympiade. Aber die verlier ich doch. Ab einem gewissen Grad der Zerbrechlichkeit kann wohl kein Sadismus mehr einsetzen, sondern alles ist nur mehr voll Krankenpflege. Aber so arg ist es noch nicht mit mir, mit niemandem. Immer noch gibt es ein Gärtlein fürs Foltern und Quälen. Also dieses Gärtlein müssten wir bei mir entdecken. Und befestigen. Fest.

  Denn ich glaube, im emanzipierten Masochismus liegt auch der emanzipierte Sadismus. Also nicht die Klischees nachbeten, sondern in der normalen Sprache miteinander reden. Ja, es mag Spielende geben, die ein völliges Rollenspiel lieben, aber mir ist es nicht möglich, einen Roman auszumalen. Ich glaubs auch nicht, dass das heute noch geht. Wo wir in Großaufnahme so viel Tausende Gesichter schon lasen. Winzigste Muskel aufstrahlen sahen. Aber die, die diese Rollenspiele gerne spielen, sind völlig okay. Ich aber bitte herzlich um die reale Sprache.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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