Schlaffer Zeigefinger

Politik | NINA HORACZEK | aus FALTER 21/03 vom 21.05.2003

BUCH. Die Kulturkritikerin Marcia Pally präsentiert ihr "Lob der Kritik" in Wien - und wird sich einiges an Kritik gefallen lassen müssen. 

Es gibt Fragen, die man mit einem simplen "No na" beantworten kann. Dass Kritik der Öffentlichkeit an den von ihr gewählten Volksvertretern Kern einer Demokratie ist, wird kaum jemand infrage stellen. Was diesen kritischen Blick trübt und wie kritisches Denken politische Partizipation fördert, ist hingegen eine spannende Frage.

  Genau diesen Blick auf 400 Jahre abendländischer Kulturgeschichte verspricht die New Yorker Kulturkritikerin Marcia Pally in ihrem kürzlich erschienenen Buch "Lob der Kritik". Ein Versprechen, das nicht eingelöst wird. Stattdessen hetzt Pally durch 400 Jahre Geistesgeschichte und kompensiert Oberflächlichkeit mit einem beeindruckenden Name-Dropping (Höhepunkt: elf Denker auf einer Seite). Schlimmer ist, dass sie dort, wo sie sich mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigt, auf das vergisst, was am Buchcover durch einen erhobenen Zeigefinger symbolisiert wird: kritisches Denken. Wer schreibt, dass Aids einen Rückgang der Gewalt in den USA bewirkt habe, dass bei Kriminalität "genetische und Umwelteinflüsse ins Spiel kommen" und Genmanipulation globale Ernährungsprobleme lösen könne, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass beim Schreiben das propagierte kritische Hinterfragen zu kurz gekommen ist.

  Trotzdem kann es durchaus spannend sein, bei Pallys Wien-Besuch mit der amerikanischen Kämpferin für kritisches Denken über ihre eigenen Scheuklappen zu diskutieren.

Marcia Pally: Lob der Kritik. Berlin 2003 (Berlin Verlag). 410 S., e 22,70.

Am 22.5. um 19 Uhr diskutiert die Autorin mit der Soziologin Helga Nowotny im Republikanischen Klub (1., Rockhg. 1). Elfriede Jelinek spricht einführende Worte.


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