NÜCHTERN BETRACHTET: Walkin' through Margareten

Kultur | aus FALTER 24/03 vom 11.06.2003

Wenn man der Zeitung trauen darf, bin ich sehr zufrieden. Darin wurde mir - vielleicht wars ja auch eine Spezialausgabe für paranoide Solipsisten - mitgeteilt, dass der Streik von den Wienern grosso modo mit grosso Wohlwollen aufgenommen worden und der Dienstag, an dem die Öffis streikten, als irgendwie "interessanter" Tag im Leben der statistischen Mehrheit verbucht worden war. Was soll ich sagen? "Ick bin ein Fjussgängär"?! Es ist wohl eine schnöselige Privilegiertenposition, aber ich finde es ganz in Ordnung, dass man mal in die Arbeit gehen muss. Schon gut, schon gut: Für die berühmten allein erziehenden siamesischen Zwillinge an der Billa-Kassa mit der chronischen arbeitsbedingten Sehnenscheidenentzündung wars sicher mäßig spaßig, aber wir Wochenzeitungsjournalisten von Mittwochsblättern bilden einmal im Jahr ganz gerne Wander- und Radlergemeinschaften, um zur Arbeit zu gelangen. Ich zum Beispiel durchquerte mit meiner streikbedingt schulbefreiten Tochter Margareten und lieh mir ihren Scooter aus, wenn sie am Mineralwassertrinken war; das verbindet, und man hat später was zu erzählen (wie damals Streik war und ich mit dem Papa auf meinem Klappscooter durch Margareten geradelt bin). Ich habe ja den Verdacht, dass ohnedies zu wenig gegangen wird. Nicht so sehr aus Volksgesundheitsgründen als zur Wahrnehmungsertüchtigung. Fußgänger sehen mehr. Man kommt in Gegenden, die man allenfalls vom Namen her kennt - oder wann waren Sie das letzte Mal in der Bräuhausgasse? -, und lernt die Stadt aus anderer Perspektive als der des Freizeitprofis kennen. Was sind wir nicht seinerzeit gegangen! Als kleiner Bub bin ich zum Beispiel mal mit der Nachbarstochter zum Rahoferteich durchgebrannt. Das war damals in etwa: Bronx (und zwar vom Schwedenplatz aus). Und hat es uns geschadet? Mir nicht. Von der Nachbarstochter weiß ich es nicht, die habe ich die letzten 35 Jahre eigentlich nicht gesehen. Vielleicht kann sich die Marianne mal bei mir melden.


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