KUNST KURZ

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 25/03 vom 18.06.2003

Der project space der Kunsthalle am Karlsplatz ist im Sommer ob fehlender Klimatisierung unerträglich heiß. Die trotzdem derzeit dort laufende Schau "Crossing the Line. Human Trafficking" (bis 20.7.) wurde anlässlich des OSZE-Vorsitzes Hollands vom Niederländischen Photoinstitut konzipiert und widmet sich einem Kernproblem der Sicherheitsorganisation: der illegalen Migration. Die gezeigten Video- und Filmarbeiten führen in die Flüchtlingslager, Wartesäle und Fremdenpolizeiwachstuben der Festung Europa. In teils fotojournalistischem Stil berichten die Aufnahmen der Künstler Teun Voeten, Piet den Blanken und Ad van Denderen von Menschenhandel und Gewalt an den Grenzen, wohingegen Jacqueline Salmon Flüchtlingszelte ohne ihre Insassen festhält. Einer Logik der Absenz folgt auch Ingrid Simon mit Fotos von zurückgelassener Kleidung an der französischen Küste; sie verbindet ihre Bilder zusätzlich mit Texten aus Sprachkursen. Während Marjoleine Boonstra die Verzweiflung von Flüchtlingen unangenehm schicksalshaft inszeniert, vermittelt Chantal Akerman dem Besucher auf den 18 Monitoren ihrer hoch ästhetischen Installation "From the Other Side" die Atmosphäre des amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiets.

  Entlarvend wirkt das Vorwort des niederländischen Außenministers im Katalog: hier "arglose Bürger", dort die "Geißel unserer Zeit", die Menschenhändler, die "die Zukunft unserer Länder und unserer Bürger" gefährden. Leider entziehen sich die zweifellos engagierten Arbeiten der Schau einem solch ideologischen Zugriff nicht vollständig: Sie stellen keinen Zusammenhang zwischen der Abschottung des Westens und seiner neokolonialen Ausbeutungspolitik her; sie formulieren keine Forderungen und geben auch einer Selbstrepräsentation von Migranten keinen Raum.


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