NÜCHTERN BETRACHTET: Theatergang mit geschwätziger Blase

Kultur | aus FALTER 26/03 vom 25.06.2003

Nicht, dass es mir schlecht ginge, die Welt ist ohnedies nett zu mir. Ich fühle mich nur etwas ausgelaugt. Das hat wohl damit zu tun, dass ich zu viel in mich reintue und zu viel aus mir rausläuft. Rein tue ich Kultur, raus läuft Urin. Was dazwischen passiert, weiß man bis heute nicht so recht, aber die Jungs und Mädels in Harvard bleiben am Ball. Theaterkritiker habens da besser. Die haben so eine Art Sportblase, die es ihnen auch nach dem Konsum von zwei schweineteuren Zwergenbieren und einem Espresso am Buffet ermöglicht, vier Stunden durchzusitzen, aufzumerken und halbe Artikel im Kopf vorzuschreiben, ohne dabei auch nur eine Sekunde an ihre Blase zu denken. Hernach rauschen sie dann nach dem Austausch einiger sarkastischer Bonmots zur Premierenfeier ab, wo ihnen erst nach dem Konsum von zwei kostenlosen Zwergenbieren ein sanftes Druckgefühl im Unterleib mitteilt, dass sie jetzt langsam mal die Flunder wässern gehen sollten. Also schlendern sie lässig Richtung Toilette, nicht ohne mit den zahlreichen, ihnen entgegenströmenden Bekannten so manches Scherzwort zu wechseln. Bei mir ist das anders. Gehe ich ins Theater, dann befällt mich instantane Pinkelpanik. Erst unlängst, als ich mich peinlicherweise von einer der drei Hauptdarstellerinnen darauf hinweisen lassen musste, dass ich eben im Begriff war, mich mitten im Bühnenbild niederzulassen (es war eins dieser zeitgenössischen Stücke, bei dem die Darsteller schon vor Beginn im Zuschauerraum rumstehen und die Zuschauer auf seltsamen, Haltungsschäden verstärkenden Sitzgelegenheiten rumfläzen müssen). Den Rest des glücklicherweise nicht eben epischen, dafür aber mit unglaublich geiler Musik voll gepackten Abends verbrachte ich dann mit dem erfolglosen Versuch, die ständigen Bemerkungen meiner geschwätzigen Blase zu ignorieren. Hernach rannte ich auf dem Weg zum Klo zahlreiche Theaterkritiker über den Haufen, die mir gut gelaunt so einige hübsche Pfiffigkeiten zuraunten.


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