VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 27/03 vom 02.07.2003

Wien, Juni 1983. Nena in der Stadt. Nena Megastar. Mit der Meinung, die deutsche Sängerin werde nicht als bleibende Pop-Ikone in unsere Kulturgeschichte eingehen, konnte man sich am Stammtisch der Falter-Redaktion in eine extreme Minderheitenposition manövrieren. Der Stammtisch tagte stets nach Erscheinen des Blattes, vollzähliges Erscheinen schien in gruppendynamischer Hinsicht ratsam. Denn dort wurden Probleme gewälzt, manchmal auch gelöst.

  Zum Beispiel dieses: Wie sollte man mit einer Pop-Sängerin umgehen, ohne den preziösen Ruf zu verlieren, den man sich alle zwei Wochen mit ziselierten Kritiken neuer und anspruchsvoller Musik aller Arten erarbeitete? (Auf der Rückseite der Nena-Geschichte findet sich ein Interview mit den "Residents".) Eine Cousine der Sängerin befand sich im näheren Umkreis des Falter und löste - nach kurzem Zögern - das Problem. Automatisch ergab sich eine Art Home and Family Story, die sich selbstverständlich selbst leise ironisierte. Tante Nena lernt ihren kleinen Neffen kennen! "Nenas Cousine, Bettina Schmitt (Dr. med., 29) hat das Dramolett eines Sonntags-Kaffees aufgezeichnet; Nenas Cousin, Markus Schmitt (Maturant, 18), lieferte eine Apologie," hieß es in der Einleitung zum Text "Warum Nena wichtiger ist als Meredith Monk". So hatte der Falter alles, seine Nena-Story, Fotos von Nena im Familienkreis (total verdruckt, also ästhetisch korrekt), und hatte doch mit all dem nicht wirklich was zu tun. Abgesehen davon, dass 90 Prozent der Redaktion beim Nena-Konzert kollektiv in Trance fielen. A.T.


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