SPIELPLAN

Kultur | WOLFGANG KRALICEK | aus FALTER 28/03 vom 09.07.2003

Das in den letzten Jahren als Theaterort genutzte Kabelwerk in Meidling (unter anderem wurde hier Peter Steins "Faust"-Marathon gespielt) ist teilweise geschleift worden, weshalb das Gelände jetzt wie ein Kriegsschauplatz aussieht. Eine Kulisse, die derzeit szenisch genutzt wird: Die Gruppe Wiener Vorstadttheater zeigt Becketts Klassiker "Warten auf Godot" (bis 19.7.), es spielen Bewohner des Integrationshauses. Wladimir kommt aus dem Iran, Estragon aus Äthiopien, Lucky aus dem Sudan, Pozzo und der Junge aus dem Kosovo; die gallige Parabel auf die Sinnlosigkeit menschlichen Strebens bekommt durch die Besetzung eine konkret politische Bedeutung. Ohne die schauspielerische Leistung des mehrsprachigen Laienensembles schmälern zu wollen: Star des Abends ist der Schauplatz. Wie aus einem ausgebombten Haus blickt man auf ein weites Schuttfeld; von links ragt eine Geröllhalde ins Bild, in der Ferne wiegen sich Bäume im Wind. Ein grandioses Naturtheater.

  Geradezu dekadent wirkt im Gegensatz dazu Robert Quittas neues Stück "Jünger und Nabokov jagen" (bis 12.7.) im dietheater Künstlerhaus. In seiner vierzigsten Produktion bringt der Wiener Autor-Regisseur, der Künstlerbiografien unermüdlich nach Theaterstoffen durchforstet, die beiden Jahrhundertschriftsteller Ernst Jünger (1895-1998!) und Vladimir Nabokov (1899-1977) zusammen. Gemeinsam hatten die beiden die Leidenschaft für Insekten: Jünger sammelte Käfer, Nabokov jagte Schmetterlinge. Über beide Hobbys erfährt man in der knapp einstündigen Inszenierung allerhand Wissenswertes (zum Beispiel sollten verschmutzte Käferpräparate ausschließlich mit Pril gereinigt werden!), über die Grundidee hinaus ist Quitta aber nicht viel eingefallen. Ein kleines Mädchen läuft als "Nymphe" (siehe "Lolita") Hula-Hoop-tanzend durch die Szene, und ein Fotograf schießt unscharfe Bilder - unter anderem auch von den Besuchern, welche die Schnappschüsse anschließend mit nach Hause nehmen dürfen. Wie im Urlaub! Höchste Zeit für Theaterferien.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige