VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 31/03 vom 30.07.2003

Jahrelang hing in der Falter-Redaktion die Kopie eines Fotos. Es zeigte die grinsenden Gesichter zweier Redakteure vor dem Schild "Polizei", das auf der Rossauerkaserne hängt. Die beiden sehen aus, als seien sie eben nach Abbüßen einer nicht ganz unberechtigten Strafe entlassen worden und freuten sich darauf, neue Straftaten zu setzen. Die Wahrheit indes war anders.

  Ende Juli 1983 hatten Innenministerium und Gemeinde Wien handstreichartig das besetzte und selbstverwaltete Jugendzentrum Gassergasse räumen und schleifen lassen, über das der Falter nicht ohne Sympathie berichtet hatte. Als am Ring eine kleine Protestdemonstration stattfand, ging Falter-Redakteur Mischa Jäger hin, um zu berichten.

  Er tauchte nicht mehr auf, erst Stunden später spürten wir ihn, verhaftet und übel zugerichtet, in der Rossauerkaserne auf. Seine Bilanz "nach mehr als vierstündiger Haft im Polizeigefangenenhaus: Zwei Platzwunden im Gesicht, eine aufgeschlagene Lippe, mein Kopf schmerzt. Ärztliche Versorgung: keine." Da Jäger keinen Ausweis dabei hatte, konnten wir ihn durch Nachbringen seines Führerscheins auslösen. Festgenommen wurde er, weil er auf einer Bank saß, als die Protestdemo aufgelöst wurde. Vor allem aber, weil er sich erhob und den im Steireranzug anwesenden Einsatzleiter fragte, ob auch ein Einzelner als Versammlung gelte und was geschähe, falls dieser versuchen würde, sich aufzulösen. Dieser antwortete bündig: "Tans do net debattieren..." Seine baretttragenden Gehilfen ließen Taten folgen. A.T.


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