Fragen sie Frau Andrea

Ficken

Stadtleben | aus FALTER 31/03 vom 30.07.2003

Liebe Frau Andrea,

bei der Lektüre eines Sartre-Buchs aus dem Jahre 1963 staunte ich unlängst nicht schlecht, als ich über das Wort "ficken" stolperte. Auf Seite 49 meiner rororo-Ausgabe von "Der Pfahl im Fleisch" heißt es: "Charlot und Longin gähnten. Lubèron sah sie gähnen und gähnte noch einmal. Mir fehlt was zum Ficken', sagte er." Ich dachte, "ficken" sei ein neues, wenn nicht gar neudeutsches Wort. Bitte klären Sie mich auf, woher es stammt! Liebe Grüße, Susi, Internet

Liebe Susi,

das F-Wort ist tatsächlich älter, als Sie denken. Es hatte 1949, als der dritte Band von Sartres "Les chemins de la liberté" erschien, schon Tausende Jahre am Buckel. Ins etymologische Reinigungsbad getaucht, enthüllt das lautmalerische Wort ein altes Synonym für "hin- und herbewegen". Die emotionale Bedeutung von "ficken" (englisch "fuck") verbirgt sich in Worten wie "fickerig" (für unruhig), die bewegungstechnische in "fegen" und "fechten" (englisch "fight", kämpfen). Der obszöne Sinn erscheint erst im 16. Jahrhundert. Den Ursprung von fechten und fegen, und wohl auch unserem "ficken", also dem Hin- und Herwedeln mit Ruten und Stengeln, vermutet man in dem indoeuropäischen Wort "pek`". Es verbirgt sich im griechischen "pèkein" (kämmen, scheren - daher auch: "pèkos", das Schaffell), dem lateinischen "pectere" (kämmen) und dem Aus-druck "pecus" (unser "Pack") für das geschorene Vieh (altindisch "pa´sú-h.") - ursprünglich das Schaf. Viehbesitz galt in vormonetären Kulturen als Reichtum. Daher stammen das lateinische "pagus" für (Weide)land und "pecunia" für Geld.

Wenn auch Sie vor ungelösten Problemen stehen, elektromailen Sie Frau Andrea: dusl@falter.at


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