STREIFENWEISE

Kultur | MAYA McKECHNEAY | aus FALTER 35/03 vom 27.08.2003

Es ist Nacht. In der neonerleuchteten Lagerhalle schichtet eine Frau Fische in Kisten: eine Lage Fisch, eine Lage Eis. Zwischendurch haucht sie ihre Finger an, um sie zu wärmen. Robert Guédiguians "La ville est tranquille" (2000) nimmt sich Zeit, reiht Alltagseindrücke, Episoden lose aneinander, um die Frage zu formulieren: Wie ist es möglich zu leben, zu überleben, in einer Stadt wie Marseille? "La ville est tranquille" ist ein Querschnittsfilm, eine Art "Short Cuts" in Miniatur, der neben der Fischpackerin auch vom Leben des eitlen Politikers, der Sozialarbeiterin, des Strafentlassenen oder vom langsamen Sterben eines Heroinmädchens erzählt. Jeder dieser Menschen kämpft für sich allein, Öffentlichkeit und Gemeinschaft scheint es nicht zu geben, die Straßen sind menschenleer, ausgestorben - oder eben "ruhig", wie der Titel ironischerweise behauptet. Guédiguian, der selbst dem Marseiller Immigranten- und Arbeitermilieu entstammt und sich schon in "Marius et Jeannette" (1997) sowie in "Marie-Jo et ses 2 amours" (2002) als Chronist seiner Stadt betätigt hat, ist hierzulande wenig bekannt. Schön, wenn sich dies durch den kleinen Cinestar-Verleih, der seine letzten beiden Filme ins Burgkino brachte, nun ändert.

  In der gleichen Sommerreihe französischer Spielfilme ist nun Josée Dayans "Cet amour-là" zu sehen, ein Tagebuchfilm nach dem autobiografischen Roman von Yann Andréa, seines Zeichens letzter Liebhaber und Muse der Autorin/Filmemacherin Marguerite Duras. Das Gute zuerst: Jeanne Moreau ist großartig in der Rolle der Duras. Ein einziger Blick, ein Wort ihrer rauchigen Stimme, gebieterisch, keinen Widerspruch duldend, würden genügen, um ihr Verhältnis zu dem vierzig Jahre jüngeren Mann (Aymeric Demarigny) zu skizzieren. Der Film als Ganzes leidet jedoch unter Gesprächigkeit: die Dialoge des Paares, ihr Voice-over plus das seine, kaum ein Bild ohne Worte, Morbus Literaturverfilmung sozusagen, fortgeschrittenes Stadium.


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