AUFGEBLÄTTERT

Kultur | MARTIN DROSCHKE | aus FALTER 37/03 vom 10.09.2003

Wer mit einer besseren Welt schwanger geht, sucht sich Menschen, die heute beeinflussbar sind und sich erst morgen gesellschaftlich einmischen werden. Wäre es nach einem Jugendbuch des 1893 geborenen Hans Leip gegangen, hätten sich Deutschlands Knaben vor 70 Jahren kein chauvinistisches Brett vor den Kopf genagelt, sondern kosmopolitisches Denken in die Welt hinausgetragen. 1927 machte der als Lili-Marlen-Liedtexter unfreiwillig der Kriegspropaganda dienliche und doch verbotene Hamburger einen schiffbrüchigen Negerjungen zum besten Freund des 14-jährigen Protagonisten. Der sollte seine von der HJ umworbenen Altersgenossen überzeugen, dass "Der Nigger auf Scharhörn" zwar "wie ein Affe" anmuten mag, dafür aber zu Abenteuern bereit ist, die weit über den Horizont weißer Arroganz reichen.

  Der Böhme Josef Mühlberger, der im NS-Deutschland ebenfalls nicht veröffentlichen durfte, wandte sich an die Erzieher Nazi-gefährdeter Jungen. In "Die Knaben und der Fluss" beschwor er 1934 die gefährdeten Ideale des Humanismus und der Aufklärung. Ewige Treue lässt er die 14-Jährigen Waschek und Jenjik schwören, auf dass sie vereint den Bedrohungen der Erwachsenenwelt standhalten. Lieber wird Waschek am Ende in den Tod gehen, als mit der Härte von Kruppstahl um die gemeinsame erste Liebe zu kämpfen. Schon damals empfahl die stilistisch gelungene Erzählung jedoch Ideale, die sozialpolitisch irrelevant waren. Sie wirkt auch heute verstaubter als Leips mit Pep propagierte Ethik der Wandervogel-Bewegung.

Hans Leip: Der Nigger auf Scharhörn. Hamburg 2003 (Die Hanse). 180 S., E 18,-

J. Mühlberger: Die Knaben und der Fluss. Frankfurt/M. 2003 (Insel). 92 S., E 12,20


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