Fragen Sie Frau Andrea: Duft der U

Stadtleben | aus FALTER 37/03 vom 10.09.2003

Liebe Frau Andrea, seit ich als Kind das erste Mal in Wien war, frage ich mich, was aus den Schächten der U1 so stinkt. Man könnte meinen, dass irgendeine vergessene Molkerei ihre Saure-Milch-Abluft gemischt mit WC-Abgasen in die Weiten der U1-Tunnel entlässt. Was ist das?

Ben Gusich, Wien

Lieber Ben, der Geruch von Wiens ältester U-Bahn-Anlage hat hausgemachte Gründe. Der strenge Duft stammt aber nicht aus lecken Toiletten oder vergessenen Milchtanks. Auch die Geschichten vom toten Sandler im Lüftungsschacht oder der angebohrten Pestgrube unter dem Stephansplatz sind urbane Legenden. Der bestialische Geruch der U1 hat einen kurzen Namen: C3H7-COOH. Die klare, ölige Flüssigkeit ist die einfachste Fettsäure, riecht nach Erbrochenem und kommt in saurer Milch, im Darm und im Fußschweiß vor. Ihr Name ist Buttersäure. Wie aber kommt diese in die U-Bahn-Schächte und warum ausschließlich in die Röhren der U1? Beim Bau dieser Linie wurden die Tunnelwände mit Injektionen auf organischer Basis verfestigt. Dieses Material wird kontinuierlich von Sickerwasser gelöst und als Buttersäure ruchbar. Lüftung und Sauberkeit helfen nur kosmetisch. Eine beim Karlsplatz angebohrte Therme verströmt dazu leicht schwefeligen Geruch. Olfaktorische Abhilfe könnte ein Prozedere aus der Parfümindustrie schaffen: Dafür ist Wärme und ein Katalysator (H2SO4) notwendig. Die Reaktion aus Buttersäure und Ethanol ergibt Wasser und Buttersäureethylester. Diese Verbindung hat den bezaubernden Geruch frischer Ananas.

Wenn auch Sie vor ungelösten Problemen stehen, elektromailen Sie Frau Andrea: dusl@falter.at


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