KUNST KURZ

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 38/03 vom 17.09.2003

Sehr langsam, aber sicher beginnen sich in Völkerkundemuseen und ethnographischen Sammlungen postkoloniale Diskurse und die repräsentationskritischen Theorien der Museologie durchzusetzen. In kulturhistorischen Museen ist ein feministischer Blickpunkt jedoch noch nicht sehr weit gediehen. Objekte zu Frauengeschichte und -kultur bleiben oft in den Depots oder gehen in der Fülle der Ausstellungsräume unter, da auch in Saaltexten kein Hinweis auf deren Besonderheit geliefert wird. Das vom Wiener Frauenbüro geförderte Webprojekt www.muSIEum.at führt diesen Missstand anhand von Exponaten aus vier Wiener Museen vor und liefert nun den geschlechterspezifischen Zugang. Nike Glaser Wieninger und Elke Krasny haben 39 Objekte in 13 Themenbereichen vernetzt: Bei einem in den Kategorien "Krieg", "Autonomie" und "Öffentlicher Raum" vertretenen Gemälde von den Wiener Revolutionstagen 1848 wird etwa auf die starke weibliche Präsenz auf den Barrikaden und den Kampf um das erst 1919 eingeführte Frauenwahlrecht hingewiesen. Leider steht die biedere Gestaltung der Site weit hinter den attraktiven Webauftritten zurück, die man mittlerweile schon von den meisten Museen gewöhnt ist.

 Während das virtuelle muSIEum "Fliegende Händlerinnen" von 1775 kritisch rekontextualisiert, zeigt ein Foto von Barbara Holub in der Galerie Hohenlohe & Kalb (bis 14.11.) Deckerlverkäuferinnen von 2003. Die am Marktstand häkelnden Frauen demonstrieren damit öffentlich die "Echtheit" der angebotenen Waren. In ihrer aktuellen Schau stellt Holub Fragen zum Verhältnis zwischen Handarbeit, Zeiteinsatz und Preis, kurz: über Gesetze der Wertschaffung, wie sie in der künstlerischen Produktion ausgehebelt werden. Brisanz will Holub in der Galerie durch Objekte erzeugen, die Designerstücken gleichen und erst bei genauerem Hinsehen einen doppelbödigen Charakter offenbaren. Die Hinweise auf problematische Themenkomplexe sind jedoch so diskret, dass keine wirkliche Spannung zwischen Inhalt und Form aufkommt.


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