Fragen Sie Frau Andrea: Nippon

Stadtleben | aus FALTER 40/03 vom 01.10.2003

Liebe Frau Andrea, haben Sie eine Erklärung dafür, warum unter allen Nationen, die Wien als Touristen heimsuchen, die Japaner am verwirrtesten im Umgang mit Fahrrädern, die ihnen auf Radwegen begegnen, sind? Gibt es in Japan keine Fahrräder, keine Radwege, oder was ist der Grund dafür?

Peter L., Wieden

Lieber Peter, obwohl wir Japan als Heimat der kleinen, braven Autos und der überirdisch schnellen Expresszüge wahrnehmen, gibt es im Land der aufgehenden Sonne nicht weniger an bipedaler Kultur als bei uns. An mangelnder Erfahrung mag die Verwirrung nicht liegen, die Japaner auf Wiens Radwegen befällt. Ganz im Gegenteil: Verwirrung ist ein Zustand, der Rad und Japaner untrennbar miteinander verbindet. Obwohl das öffentliche Leben in Japan mithilfe Tausender komplizierter Mikroregeln bestimmt wird, herrscht beim Radfahren Anarchie. Man fährt auf Radwegen, auf Straßen und auf Gehsteigen und trotz inselbritischen Linksverkehrs mal rechts, mal links, mal beides. Über dieser schon mitgebrachten Verwirrung sollten wir nicht vergessen, dass Japaner nicht irgendwo in Wien herumstehen, sondern vorzugsweise vor der Oper, dem Hotel Sacher und der Votivkirche, die sie für den Stephansdom halten. Der Grad der Ergriffenheit, den diese Bauwerke auf die Touristenseele ausüben, verstärkt die Entrücktheit, die Jetlag und das viele Sitzen in Reisebussen mit sich bringen. Kein Wunder also, dass der Wiener Radverkehr am Besucher aus Nippon abtropft wie der Regentropfen an der Lotusblüte.

Mailen Sie Frau Andrea: dusl@falter.at


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