STADTRAND: Böses Welterbe

Stadtleben | aus FALTER 41/03 vom 08.10.2003

Wenn man jetzt schon eine Liste der bösesten Wörter des Jahres erstellen würde - "Weltkulturerbe" wäre ganz vorne dabei. Nicht nur dass der großspurige Titel, den die Unesco vergibt, außer Hardcore-Denkmalschützern niemanden juckt - dieser Schmäh für den Tourismusfolder übt echten Terror auf die Stadt aus. Seitdem die Unesco-Herren mit ihrem ausgeprägten Sinn fürs historische Konservieren - 21. Jahrhundert, pfui Spinne! - die zehn Jahre lang geplanten Hochhaustürme von Wien-Mitte durch die Drohung des Weltkulturerbeverlusts für die Innenstadt zu Fall gebracht haben, wird noch lieber mit dem Totschlägerargument erpresst. Wie jetzt wieder in Schönbrunn. Dort wollen die zuständigen Bundesgärtner eine uralte, marode Hainbuchenhecke roden und durch 600 historisch korrekte Bäume ersetzen. Aber hallo, hier droht Weltkulturerbeverlust! Pech für die Gärtner, dass die Unesco-Auskenner den denkmalgeschützten Schlosspark liebevoll unter ihren Fittichen haben. Und Hobbydenkmalschützer sich zu Baumrettern aufschwingen, die die Fällung auf jeden Fall verhindert wollen. Bleibt halt alles so super, wie es ist. Wenn dann abgestorbene Bäume vor sich hingammeln oder den Touristen aufs Hirn knallen, kann man denen ja erklären: "Hauptsache Weltkulturerbe." J.O.


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