Fragen Sie Frau Andrea: Gell?

Stadtleben | aus FALTER 41/03 vom 08.10.2003

Liebe Frau Andrea, "heute ist ein schöner Tag, gell?" klingt im Dialekt wie "...schena Tog, gö?". Wäre ich mit dir aber per Sie, wärs wohl "...schena Tog, göns?" Wie lautet nun das entsprechende Schriftwort? Etwa "... schöner Tag, gellen Sie?" Gibts "gell?" nach der Schrift gesiezt überhaupt? Und wenn ja, warum heißt es geduzt nicht "gellst du?"

Ben Gusich, Internet

Lieber Ben, das Wienerische ist eine höchst komplexe Sprache, wie sich an dem, von dir postulierten Zeitwort "gellen" zeigt. Das im Wienerischen "göö" ausgesprochene Verb meint aber nicht "gellen", sondern "gelten". Im Urwienerischen, in dem noch das höfliche "Ihr" gebräuchlich war, hätte der Satz wohl so gelautet: "Heid is a scheena Dog, göds?" Gö ist eigentlich die Wunschform "gelte" zum Zeitwort "gelten", wobei das "e" abgefallen ist. "Gö, es is schee" bedeutet also "Es möge gelten, dass es schön ist". Die Frage, die das von dir angesprochene Höflichkeits-Sie-Gellen verwendete, müsste im Urdialekt so lauten: "Heid is a scheena Dog, göds es des", "Heute ist ein schöner Tag, geltets ihr das", soviel wie: "lasst Ihr das gelten?". Diese durchaus komplizierten "Gö"-Formen sind von Generationen fremdmuttersprachlicher Wiener zum Kompromiss-Gö verschliffen worden. Aus der Möglichkeit, dass etwas "gelte", wurde die Frage, ob es "gelle". Aus der höflichen Frage, ob "Sie" dies oder das auch "gell(t)en", wurde das nachgestellte, "gell(t)enS'". wienerisch "Göns". Es geht noch komplizierter: Die Frage: "Das gilt schon, oder" führt im Wienerischen zum doppelgeltenden Satz: "Des güüt owa scho, gööns".

Mailen Sie Frau Andrea: dusl@falter.at


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