Der prostituierte Mann

DANIELA STRIGL | Extra | aus FALTER 41/03 vom 08.10.2003

MITTELEUROPA. Der serbische Schriftsteller Aleksandar TisÇma (1924-2003) präsentiert sich in seinen frühen Tagebüchern als epikureischer Skeptiker, der zwischen sexueller Ausschweifung und Selbstdisziplinierung schwankt. 

Zugegeben: Aleksandar TisÇmas Jugendtagebuch hat mich zuerst ein bisschen enttäuscht. Ich habe mir von den Aufzeichnungen des im Februar verstorbenen Schriftstellers aus Novi Sad (Neusatz) nähere Aufschlüsse über persönliche Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs erwartet, über die Prägung zum Chronisten der balkanischen Gräuel. Stattdessen Eintragungen wie diese: "Nachdem ich mir Pirandellos, ,Sechs Personen suchen einen Autor' zum zweiten Mal angesehen hatte (starker Eindruck), ging ich spazieren, was bei mir heißt: auf die Jagd nach etwas Weiblichem. Zwei Stunden irrte ich umher, warf Blicke, schwitzte, bis ich eine Straßendirne traf, die es ein paar Tage zuvor umsonst gemacht hatte. Ich ging mit ihr ins Hotel, doch die rechte Lust kam nicht, ich

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