Fragen Sie Frau Andrea: Tachynose

Stadtleben | aus FALTER 42/03 vom 15.10.2003

Liebe Frau Andrea, im Zuge der Verschärfung der sozialen Rahmenbedingungen wird von Vertretern der Regierungsparteien ökonomisch Benachteiligten gegenüber gerne der Wiener Ausdruck Tachinierer gebraucht. Mit dem Tacho, dem Geschwindigkeitsmesser hat der Vorwurf doch wohl nichts zu tun?

Martin Kalanda, Internet

Lieber Martin, der Ausdruck Tachinierer kam in Wien vermutlich während des Ersten Weltkriegs auf. Sein Ursprung gilt als dunkel, unter zwei meiner Lampenschirme finden sich aber Erklärungen. Eine will Tachinierer vom tschechischen "táhnouti se", sich ziehen, sich fortpacken, sich schleichen ableiten. Nach anderer Deutung kommt das Wort vom altgriechischen "tachys", schnell. Mit "Tachykardie" bezeichnet die Medizin eine krankhaft gesteigerte Herztätigkeit. Dieses Leiden pflegte die Militärärzte zu veranlassen, die daran Erkrankten als untauglich zu erklären. Rekruten, die sich dem Heldentod für Kaiser und Vaterland entziehen wollten, mussten vor der Stellung nur Unmengen von schwarzem Kaffee trinken, um sich gefährlich wirkendes Herzrasen anzuputschen. Bald hatte sich dieser Trick auch beim militärischen Medizinpersonal durchgesprochen: Die Diagnose "Tachynose" wurde zum Synonym für simulierte Krankheit und verballhornte bald zu den Ausdrücken "Tachinierer" und "tachinieren". Dass ein Tachinierer nichts schlimmeres vorhatte, als sein blankes Leben zu retten, wird denen stets unbegreiflich bleiben, die sich gegenüber geringeren Gefahren mit dem Vitamin B behelfen.

Wenn auch Sie vor ungelösten Problemen stehen, elektromailen Sie Frau Andrea: dusl@falter.at


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige