PHETTBERGS PREDIGTDIENST

25 Jahre Papst

Stadtleben | aus FALTER 43/03 vom 22.10.2003

... da auch er der Schwachheit unterworfen ist ...

Heb 5,1-6 (2. Lesung am 30. Sonntag im Jahreskreise eines Lesejahres B)

Übertragen sie im Fernsehen eine Liturgie, vorzugsweise was mit dem Papst, bleib ich dran. Es muss sich zu meinen vielen frühkindlichen Traumata ereignet haben, in Bezug auf Kirche, Pfarrer und Liturgie. Wo die Sonne hereinschien in die weite, hohe, helle Unternalber Pfarrkirche, und wo trotzdem die Kerzen brannten, gegen alle Vernunft, und so viele Tischtücher über dem Altar waren und Ruhe herrschte. Da muss sich was Entspannendes ereignet haben in meiner Babyseele. Wie ja auch die versauten Bluejeans über, genauer gesagt unter bleichen Buben mich schon früh gelabt haben müssen. Und unbegrenzt essen, was schmeckt, das hat das dritte Trauma gelöscht. Oder wenn Leute miteinander reden, ohne zu streiten, sondern witzig einander achtend vorwärts dialogisierten. Ja, genau, das wird mein viertes Babytrauma besänftigt haben. Und diese vier Dinge sind interessant für mich, nach wie vor.

  Also war letzte Woche vom Papststrang her ein Optimum. Durchschreite ich mein Wohnzimmer, komme ich mir vor wie der greise Papst. Ich sehe das Gesicht des sich ergeben müssenden Papstes, wie er dies aber nicht will und streckenweise noch dagegen ankämpft, geistig alles ganz klar sieht und sieht, wie sein Habitus missverstanden wird, während er hinter seiner Gebrechlichkeit mit seiner vollsten Helligkeit präsent ist, sich aber dann doch der Müdigkeit ergeben muss. Und der Menschheit ein großes Kunstwerk stiftet. Das Bildnis des müde werdenden Greises. Ecce Homo, seht das Bild des Menschen. Es war auch David Bowie am Freitag bei Harald Schmidt im Fernsehen, den ich weit über 25 Jahre begehre.

  Der Papst hat ein Leben lang philosophiert und an dem Glasperlenspiel der Theologie weitergebastelt. Und während er festhielt, fiel auf, dass er festhielt, und das war schon zu viel, sodass sich daran eine Gegenbewegung bilden muss. Darum ist der müde, alte Papst der größte Stabilisator. Wie an Tagen, wo überraschend nicht gearbeitet werden muss, wir doch alle glücklich sind. Und mit meinem Altern ließ der Zorn nach, denn wir konnten wundervolle Witze reißen. Waren frühere Päpste z.B. noch entschieden gegen das Onanieren, hörst du heute kaum mehr etwas. Und jeder Fernsehsender reißt seine Witze über den Papst. Sagen wir so: Solange über Päpste Witze gerissen werden auf den Fernsehkanälen, können wir beruhigt sein, ist alles okay. Ist ja allein schon "Papst" das lustigste Wort im Sprachraum. Ich wüsste kein lustigeres, außer "Laus". Am schönsten aber ist das Ausruhen. Und in dem Moment ist beiden Seiten Gott egal. Schlafen. Ruhe. Müdigkeit. Päpste, englische Königinnen, Jeansboys, verständige Gespräche, was zu essen.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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