TIER DER WOCHE

Hungerkünstler


PETER IWANIEWICZ
Stadtleben | aus FALTER 43/03 vom 22.10.2003

In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen. Während es sichfrüher gut lohnte, große derartige Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig unmöglich." So beginnt Franz Kafkas Kurzgeschichte "Ein Hungerkünstler", in der die menschliche Sehnsucht nach Anerkennung und Geliebtwerden exemplarisch abgehandelt wird. Um Liebe geht es auch David Blaine, jedoch vor allem um jene der Massenmedien. Er saß 44 Tage in einer Glaskiste, die an einem Kran gegenüber der Tower Bridge in London hing, und nahm während dieser Zeit keine Nahrung zu sich. Im Unterschied zur Kafka'schen Parabel war das Interesse an seiner Vorführung groß: Via Webcams und zahlreicher Fernsehstationen konnten die Massen an seiner "Großtat" (Blaines Eigendefinition) teilnehmen. Obszön, meinten jene, die an die weltweit rund 815 Millionen hungerleidenden Menschen dachten. Spektakulär, fanden es andere und bewarfen ihn zur erweiterten Belustigung mit Eiern,

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