Fragen Sie Frau Andrea

Hochwohnen

Stadtleben | aus FALTER 45/03 vom 05.11.2003

Liebe Frau Andrea, es gibt diese Stunden, wo man in Zimmern sitzt und über komische Fragen sinniert, die plötzlich im Raum stehen, ohne vorher zu fragen, ob sie willkommen sind. In solch einer Stunde war die Frage "Warum sind die Räume in Altbauwohnungen so hoch?" mein Gast. Nach Gesprächen mit Architekten und sonstigen Leuten, die denken, sie hätten eine Ahnung und diese doch nicht haben, lande ich mit meiner Frage bei Ihnen. Ich hoffe um Hilfe und danke im Voraus, Lena

Liebe Lena, die Raumhöhe in Wiener Wohnungen hebt und senkt sich mit dem Sonnenstand der Kultur. In Zeiten, in denen Zwerge regieren und ökonomische Zwänge die Herzen vergittern, werden traditionell niedrigere Räume gebaut als in Blütezeiten der seelischen Freiheit. Ginge es nach den Utopien der Architekten, würden Wohnungen kathedralenhafte Ausmaße haben. Tatsächlich geht es nach den Taschenrechnern der Controller, und deswegen werden die Decken in Neubauten so tief wie möglich eingezogen. Umbauter Raum ist kostbar, die Seele billig. Wenn aber die Rendite regiert, bekommt die Seele Asthma und hustet sich eine Revolution, die die Zimmerhöhen wieder steigen lässt. Die periodisch steigenden und sinkenden Raumhöhen sind kein modernes Phänomen, sie lassen sich quer durch alle Zeiten diagnostizieren. So waren die ersten Ringstraßenbauten noch mit pferchhaft niedrigen Wohnungen ausgestattet, erst später sollte es üblich werden, Vorzimmer zu bauen, in denen man Tennis spielen könnte. In den Sixties wurde es übrigens Mode, Zimmerdecken künstlich zu erniedrigen. Die wilden Studentenrevolten der 68er waren die Folge.

Elektromailen Sie Frau Andrea Ihre Probleme: dusl@falter.at


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