PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Die Wattestäbchen im Ohrschmalz

Stadtleben | aus FALTER 45/03 vom 05.11.2003

... am Ende der Zeiten ist er ein einziges Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde zu tilgen. ... beim zweiten Mal wird er nicht wegen der Sünde erscheinen, sondern um die zu retten, die ihn erwarten.

Heb 9,24-28 (2. Lesung am 32. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres B)

Du bist isoliert. Toteinsam. Niemand versteht mehr deinen Traum. Du bist zuckerkrank, frisst weiter. Es wird sich lösen. Alle Utopien verbieten sich, ein Finanzminister sitzt an der Kassa, mit dem über meine sozialkranken Utopien zu reden es sich von selbst verbietet. Ich denke an Bartenstein, und mein Wattestäbchen kringelt sich vollständig mit Ohrschmalz zu. Zu meinem Ewald kam nun dieser Tage noch Fredi, der wegstarb, knapp über vierzig. Fredi soff den ganzen Tag. Er wurde nicht fertig mit dem Leben, mit der großen Wolke. Und er hatte gegen Schluss immer weniger Leute, die ihm Geld zusteckten. Und es herrscht in der großen Wolke ja auch die Meinung, gib einem Suchtkranken kein Geld, er bedient damit nur seine Sucht. Aber noch niemals hat wer aufgehört, süchtig zu sein, weil es kein Geld mehr gab. Die Betäubung wird fortgesetzt mit anderen Mitteln. Hätte ich Fredi jeden Tag verlässlich und absolut stabil, durch Jahre, viele, ruhige Jahre, fünfzig Euro zugesteckt, hätte er sich jeden Tag in seinem Wirtshaus seinen Wein gekauft. Hätte, wie der Wirt ihm riet, zu jedem Viertel mindestens auch ein Viertel Wasser getrunken. Das zumindest. Hätte sich vielleicht auch regelmäßig einen Tagesteller geben lassen. Ich habe die fünfzig Euro dem Fredi nicht geben können. Ich musste selber fressen. Ich weiß. Er ist also immer seltener in sein Wirtshaus gekommen, weil er schön langsam überhaupt nichts mehr hatte, und soff den billigen Fusel. Und fiel auf den Hinterkopf, war fast ein Jahr im Koma. Und entschlief jetzt vorvorigen Montag, ohne wieder aufgewacht zu sein, im Miljö seines Unbewussten sanft dem Herrn, kurz vor dem Allerseelentag, in der Intensivstation. (...) Ich aber gehe nun einen Haufen frühstücken. Esse halt viel Obst zu der vielen Wurst und der Schokolade danach. Vielleicht lässt sich die Zuckerkrankheit überlisten. Ich erlange keine Befriedigung. Ich erhöre mich nicht. Vom Ohrschmalz verlegt.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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