Tutterln und Arscherln

Stadtleben | WOLFGANG PATERNO | aus FALTER 46/03 vom 12.11.2003

TRADITION Gstanzln sind: ungepflegtes Brauchtum, maulflinke Spottgesänge - und urwienerische Ausdrucksweise. Ein grandioses Buch präsentiert nun 1500 historische Vierzeiler. 

Ernst Weber ist ein seriöser Herr, 67 Jahre alt, das ganze Arbeitsleben bei einer Bank. Im Gesicht hat er einen akkurat gestutzten Silberbart, an nassgrauen Tagen trägt er einen tadellosen Mantel. Er wirkt bodenständig und weltläufig zugleich. Einerseits. Andrerseits ist Weber seit Jahrzehnten vernarrt, regelrecht berauscht von Schlüpfrigkeiten, je pikanter, desto besser.

  Weber, vom Habitus her immer noch Bankbeamter, greift nach dem grünen Buch vor ihm, ein weinseliger Trinker, fotografiert von Franz Hubmann, ist vorne drauf; Weber hat das Buch zusammengetragen und herausgegeben. Er zitiert, Seite 232, Gstanzl 1052: "A paar blüahweiße Tutterln / Und a Arscherl dazua / Und die Virolinkugerln / Da hab i grad gnua", imitiert er eine Vorortstimme. Ein Wiener Halbweltler, ein Buschenschanksänger, ein Varietékünstler


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