PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Sensationsfund bei Ehrlichkeitsforschung!

Stadtleben | aus FALTER 46/03 vom 12.11.2003

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: ... die Sonne [wird sich] verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen ... Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft ...

Mk 13,24-32 (Evangelium am 33. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres B)

Meine arme Mama erfuhr im Oktober 1990 von der Titelseite des Falter, die ihr, der betagten Dame, eine große Persönlichkeit extra hintragen musste, dass ich drei Wochen öffentlich in Ketten aushängen nun würde, weil ich geil sei und es endlich besorgt kriegen möchte. Meine Mama fiel in eine wochenlange Lähmungsstarre und wurde danach nie wieder so gesund, wie sie vorher war. Dies ist keine Beichte, die ich hier treibe, sondern ich folge der Begabung, die wahrscheinlich Armin Thurnher, der Chefredakteur des Falter als Erster an mir entdeckte. Dass ich nämlich erzählen könne. Obwohl, wenn es noch möglich wäre, an Gott zu glauben, wäre die Beichte die schlechteste Sache nicht, die mein vielleicht Halbgeschwisterchen erfand. Es bedrückt dich was, und du kannst weinen. Ich erinnere mich noch zu gut, wie ich als "Fritz Geza Brachmann" Inserate aufgab, um Sklaven zu nehmen. Es kamen alle, die Mühseligen und Beladenen, seien es neunzigjährige Halbgeschwisterchens gewesen oder solche mit nur mehr einem Ei. Einmal kam sogar ein Kronprinz. Und ließen sich foltern von mir. Und weinten dann herzzerreißend in meinen Armen, dass sie endlich einen fanden, der sich so sehr ihrer annahm. Stundenlang ohne einen Groschen Honorar, Prügel und Einfühlsamkeit!

  (...) Und ich glaube, so ist es gekommen, dass die Ehrlichsten die Niederträchtigsten wurden. Es gibt keine Kultur der Gedankenzensur, die keine Lüge ist, sondern Abwägung. Dass nicht alles, was mir einfällt, die Ehrlichkeit wäre, die so wohl uns allen täte sexuell. Sondern die große, kluge Vernetzung aller bisherigen Erfahrungen, Echos und Überlegungen. Und da befinden wir uns jetzt schon ganz weit weg von Ehrlichkeit. Ich hab Angst gehabt, meiner Mama zu sagen, ich bin schwul und sadomaso und hänge öffentlich und nackt gern in Ketten aus. Ich hatte einfach Angst, es ihr zu sagen.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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