PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Gebirge Gebäck

Stadtleben | aus FALTER 47/03 vom 19.11.2003

... Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt. Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben ...

Dan 7,2a.13b-14 (1. Lesung am letzten Sonntag im Kirchenjahr, dem "Christkönigssonntag" eines Lesejahres B)

Es lag ein Stück Striezel am Morgen so zärtlich vor meinen Schlapfen. Es war kugelrund, ausgetrocknet, übersät von winzigen Kuhlen, herrührend von hungrigen Mäusen, die es dann aber übrig ließen und das allerletzte Stück Striezel mir kybernetisch neben die Schlapfen legten, denn sie wissen, wenn das aufsteht, zieht es zuerst die Schlapfen an, und dann weiß es gleich, der Striezel ist gar. Meine Mäuse also reden mit mir. Aber natürlich, weil ich Geld hab, wen zu bezahlen, der mir jede Woche einen Striezel kauft. Es ist das billigste Gebäck unseres Supermarkts, in Zellophan verpackt, wo ich dann eines der vier Eckchen wegschneide, sodass die Mäuse es riechen und fressen. Ein Glücksrausch für eine unterirdisch gerne Röhren annagende Maus, durch so ein Gebirge Gebäck sich zu bohren! Und in Zellophan genau gegenüber meinem Sessel gelegt. Also sitze ich auf meinem Sessel, der zum Fernseher hin ausgerichtet ist, die endlosen Jahre, und schaue den Mäusen beim Nagen zu. Sitze ich aber auf dem anderen Sessel, der zum Fenster ausgerichtet ist, sehe ich die Schornsteine des gegenüberliegenden Daches und kann ganz ruhig warten, bis eine Krähe sich auf einen draufsetzt und wärmt. Da ich zu dem Wohlbefinden der Krähen nichts beitrage, kommunizieren sie auch nicht mit mir. Sie sind schöner als meine Mäuse, fliegen eleganter durch die Gassen. Denn ich wohne brisant. Schief mündet die Webgasse in die Gumpendorfer Straße, und wenn sie diese herunterrauschen, und in die Gumpendorfer Straße einbiegen müssen, schaut es für einen Herzschlag so aus, als würden sie gegen meine Scheiben knallen, ganz groß werden sie, ganz nah, aber sie nehmen die Kurve schnell und mit Grandezza und sind auch schon weg. Die Mäuse aber sind in meinem Zellophan und kuscheln sich in den Striezel, und ich schau ihnen zu. Hätte ich nicht ständig einen Striezelvorrat, schlügen sie in der Nacht so einen Radau, ließen mich nicht schlafen, bis Fressen herbeigeschafft ist.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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