Fragen Sie Frau Andrea

Marmeladinger

Stadtleben | aus FALTER 48/03 vom 26.11.2003

Sehr geehrte Frau Andrea,

nachhaltig verfolgt mich der Sprachstreit um Marmelade und Konfitüre. Woher kommt der Ausdruck "Marmeladinger" als Bezeichnung für Deutsche? Mit besten Grüßen aus Erdberg,

Stefan Fritsch, Wien 3

Lieber Stefan, der seltsame Terminus aus der Frühstücksgastronomie stammt aus der Zeit, als Deutsche und Österreicher in Kaisers und Führers Rock in gemeinsamen Armeen dienten. Die Begegnung der unterschiedlichen Sprachmelodien führte zur Bezeichnung "Piefke" für den Idealtypus des vor schnarrendem Befehlsgeschrei und knisternder Strammheit vibrierenden preußischen Offiziers. Das Wort zirkulierte schon lange vor dem Ersten Weltkrieg in humoristischen Zeitschriften wie den Münchner "Fliegenden Blättern" und dehnte das Zelt seiner Bedeutung über alle Deutschen jenseits des legendären transbajuwarischen "Weißwurstäquators" - jener Grenze, die, im Verständnis der Österreicher, "uns" von "de Biffge" trennt. Der Ausdruck "Marmeladinger" spielt mit einem Vorurteil den deutschen Kameraden gegenüber, denen nachgesagt wurde, auf alles Marmelade zu schmieren: auf Schwarzbrot, auf Knödel, ja sogar auf die Wurst. Im Nachkriegsösterreich fanden ähnliche Begegnungen unter ganz anderen gesellschaftlichen Vorzeichen statt. Diesmal waren es zivile Deutsche aus dem Wirtschaftswunder BRD, die in alpenösterreichischen Pensionen ihren Urlaub verbrachten und weder am Gebrauch des "Piefkinesischen" noch an der Marmelade sparten.

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