Fragen Sie Frau Andrea

Ein-Namen

Stadtleben | aus FALTER 49/03 vom 03.12.2003

Liebe Frau Andrea,

in den österreichischen Bundesländern ist es noch immer üblich, den Nachnamen vor dem Vornamen zu nennen und einen Artikel davorzustellen. Aus "Ernst Strasser" wird etwa "der Strasser-Ernst". Auch die - dem ländlichen Raiffeisen-Konzern zugehörige - Redaktion von profil schreibt in den E-Mails nun die Nachnamen zuerst. Warum nur ist das so?

Karin F. Knolle, Salzburg

Liebe Karin, dieses Phänomen hat seinen Ursprung in den Hofnamen. Am Land sprach und spricht man seit dem Mittelalter stets vom Huber-Bauern, vom Leitner-Bauern, vom Strasser-Bauern und erst, wenn es deren mehrere gab, vom Huber-Franz, Leitner-Alois, Strasser-Ernst. Als diese Bevölkerungsgruppen nicht nur in Kirchenmatrikeln und Katastern, sondern auch in Schülerlisten, Stellungsverzeichnissen, Meldeamtskarteien und Telefonbüchern indiziert wurden, geschah dies stets in der Reihenfolge: Nachname - Vorname. Mit der Entfernung des Individuums zu hierarchischen Systemen verschwindet dieser Usus. Die in dieser Hinsicht nicht gerade fortschrittliche Övaupeh gefällt sich neuerdings darin, Partei-Herzeigefiguren nicht nur das Privileg des vorangestellten Vornamens zu gewähren, sondern sie mit einer neu erdachten Titulatur zu adeln: dem unbestimmten Artikel. "Der Strasser-Ernst", "Die Gehrer-Liesl" und "Der Karl-Heinz-Grasser" sind neuerdings "Ein Ernst Strasser", "Eine Liesl Gehrer" und "Ein Karl-Heinz Grasser". Erfunden hat das "Wer, wenn nicht Einer!"

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