PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Schüttelfrost

Stadtleben | aus FALTER 49/03 vom 03.12.2003

... Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist soll zum ebenen Weg werden. Und alle Menschen werden das Heil sehen ...

Lk 3,1-6 (Evangelium am 2. Adventsonntag im Lesejahr C)

Kaum schaust du ein paar Jährchen nicht, haben sie die ganze Brigittenau niedergerissen und in Glas und Beton wiederaufgebaut. Du fährst mit der Straßenbahn bequem zur Häuserbesetzung und siehst, sie fährt weite Straßenzüge nur durch Glas und Beton. Ein einziges Gebäude durften sie nicht niederreißen dort, das siehst du sofort, es ist das palaisförmige Obdachlosenheim in der Meldemannstraße. Ich war noch nie dort, erst jetzt, wo Hubsi Kramer zur Besetzung lud, bequemte ich mich dorthin. Es sind 360 Plätze gewesen, die dem sozialen Herzen der Stadt geraubt worden sind, auch wenn niemand obdachlos wurde dadurch, es wäre so, wie wenn der Vatikan in Rom enteignet würde und der Papst in ein Glasbetonhaus in einer Vorstadt übersiedelt worden wäre. Alles ist geordnet worden. Alle Bereiche zweckbestimmt. Du gehst durch den Christkindlmarkt des Grauens auf dem Rathausplatz, hundert Hütten fabrikgefertigt, sind alle ident, nirgendwo ein warmes Zelt, wo du sitzen kannst, du musst gut bei Fuß sein, nichts stört die Funktion, wie die Formulare des Internets gibt es keine Möglichkeiten mehr. Der Schmied, den ich kenne, hat mich durch das Nordbahngelände gefahren, und dort gingen Kinder, weil dort auch Wohnhäuser stehen, und da dachte ich mir, die müssen doch anders aufwachsen als Kinder in der Glasbrigittenau. Dienstags Ballett, mittwochs Turnen, donnerstags Klavierunterricht. Und wann lernen sie das Wichsen bitte, und wo bitteschön? Ich sah gestern in der Argentinierstraße zwei Portiere nebeneinander sitzen. Das würde den Käfighühnern nicht mehr erlaubt sein, wie die zusammengepfercht saßen in der Radioeingangshalle, wos zieht und hallt, und ihre Seelen schwersten Schaden nehmen müssen. Sie schauen so finster am Sonntag, es hat sich in den Chefetagen eine Utilitarität des Funktionierens etabliert, eine Kommunikationsblockade, steif funktionieren die Leute in ihrem Glasbeton, und nachts liegen sie mit ihren Mänteln im Bett vor Schüttelfrost.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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