VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 50/03 vom 10.12.2003

So nebenbei finden sich in den alten Faltern erstaunliche Dinge. Zum Beispiel ein Interview mit Heiner Müller, das Elisabeth Loibl mit zwei Kollegen führte. Mit gewohnter Offenheit sprach der Dramatiker über die DDR: "Die Rentner hauen zur großen Enttäuschung nicht ab. Was abhaut, sind die Jungen." Er sprach darüber, dass das Individuelle gerade dort ein großer Wert sei, wo das Kollektiv über alles gelte. Ehe wir uns die Frage stellen, was das das für unsere Gegenwart bedeuten könnte, ein anderes, sehr tröstliches Müller-Zitat: "Fehler, die gibt's ja gar nicht. Da hat der Brecht schon recht. Was den Sachen die Dauer gibt, sind die Fehler. Da ist das lebendige Material, in den Fehlern, und dann kann man drangehen und neue Fehler machen".

  Ähnlich sprach ja in diesem Blatt vor kurzem der Dichter Franzobel, und faltermäßig betrachtet, können wir uns nicht darüber beklagen, im Lauf unseres Daseins zu wenige Fehler gemacht zu haben. - Kleiner Nachtrag, weil im letzten Falter (49/2003) ein kenntnisreicher Kommentar von Fritz Keller über das Schächtverbot erschien. Gerade las ich die Notiz, demnächst (1983) werde im "Junis Verlag, Wien" das Buch "Wien, Mai 1968 - eine heiße Viertelstunde" erscheinen. Autor: Fritz Keller. Erraten, es ist ein und derselbe. Nur hieß der Verlag natürlich nicht Junis, sondern Junius. Es lebe der Fehler. wenn er schon nicht produktiv ist, erhöht er offenbar auf rätselhafte Weise die Haltbarkeit mancher Dinge. A.T.


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