Fragen Sie Frau Andrea

Hund & Kunt

Stadtleben | aus FALTER 50/03 vom 10.12.2003

Liebe Frau Andrea,

mich beschäftigt die Herkunft eines Wortes, das in den letzten Jahrzehnten langsam aus dem alltäglichen Sprachgebrauch verschwunden ist. In der U-Bahn schnappte ich es kürzlich wieder auf: Kunt! Soweit ich mich erinnere, bedeutet es so viel wie Kerl oder Haberer, wobei in meinem Freundeskreis die Einschätzung überwiegt, Kunt eher negativ zu verstehen. Stimmt das? Und woher kommt der Kunt?

Josef Dollinger, Neubau

Lieber Josef,

der Kunt ist ein Wort aus dem Rotwelschen, der alten Sprache der Gauner, Dirnen und Vagabunden, die auch im Wienerischen viele Spuren hinterlassen hat. Ein Kunt ist ein Kundiger. Seine Kundigkeit bezieht sich allerdings weniger auf handwerkliches oder gar wissenschaftliches "Können", sondern bezeichnet die Kunstfertigkeit des Überlebens fern der schützenden Decke der Gesellschaft. Das Wort selbst ist mit dem "Kunden", dem "Kennenden", "Bekannten", ja sogar mit dem "Künstler" verwandt und taucht schon im Frühmittelalter auf. Einer radikaleren Etymologie zufolge stammt es aus der gleichen indoeuropäischen Wurzel, der wir auch unser Wort Hund (griech.: kyon, lat.: canis) verdanken. Ein Hund-Kunt wäre demnach ein - im wahrsten Sinne des Wortes - "auf den Hund Gekommener", ein (H)Unterer, ein Angehöriger der niedrigsten aller denkbaren sozialen Etagen. Männliche Oberösterreicher verwenden noch heute den Ausdruck "der Hund" für Bursch oder Kerl. Damit meinen sie oft abwertend, gelegentlich aber sogar bewundernd einen der Ihren.

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