VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 51/03 vom 17.12.2003

Vorweihnachtszeit, das hieß früher einmal: Winnetou-Zeit. Die Karl-May-Festspiele gastierten in der Stadthalle, und der Falter-Redakteur bat einen Ethnologen, mit ihm die Veranstaltung zu besuchen. Was immer die beiden sonst noch vorhatten, lässt sich nicht rekonstruieren. Lapidar heißt es im Vorspann: "Ein Interview mit Pierre Brice, dem Autor des Stücks, kam leider nicht zustande."

  Stattdessen kam eine Falter-Seite zustande, auf der der Redakteur und der Ethnologe ihre Eindrücke schilderten. Während der Redakteur Karl-May-Exegese trieb und immerhin nachwies, dass Arno Schmidt, der sich auf seine Akribie so viel einbildete, glatt Ernst Bloch falsch zitiert hatte, blieb der Ethnologe Beobachter: "Ihm sei wohl bewusst, hat Herr Brice geäußert, dass die Kostüme der ersten Winnetou-Filme nicht gestimmt hätten. Dass sie heute noch nicht stimmen, würde kaum jemand stören, wäre da nicht die stete Betonung des Realitätsanspruchs (...). Einen Monat lang, heißt es, habe er bei Indianern im Reservat gelebt; sein Wissen sei folglich dem Buchwissen Karl Mays überlegen. Man muss es wohl glauben, dass Pierre Brice in dem einen Monat viele Indianer mit roten Strumpfhosen gesehen hat, wie der rote Gentleman selbst eine trägt. Für die Zeit um 1875, in der das Stück spielt, sind sie ebenso unwahrscheinlich wie Federhauben, sonstige seltsame Federschmuckformen, mexikanische Ponchos und andere Ausstattungsdetails. Niemals hatten die Apachen den ,Großen Manitu' angerufen, niemals Friedenspfeifen hergestellt, schon gar nicht aus vulkanischem Material." Der Name des Ethnologen war übrigens Christian Feest. Er ist seit kurzem Direktor des Völkerkundemuseums in Wien. A.T.


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