Fragen sie Frau Andrea

Faust & Auge

Stadtleben | aus FALTER 03/04 vom 14.01.2004

Liebe Frau Andrea,

ich führe mit Kollegen einen Diskurs zur Redewendung "Etwas passt wie die Faust aufs Aug". Sie interpretieren es als größtmögliche Übereinstimmung, ich dagegen meine, es drücke das genaue Gegenteil aus. Da ich nun mehrfach beide Interpretationsvarianten gehört habe, vermute ich regional unterschiedliche Auslegungen. In der Hoffnung auf eine gewohnt kompetente Beantwortung, hochachtungsvoll

Rainer Schügerl, Internet

Lieber Rainer,

die Passform von Faust und Auge beschäftigt inzwischen sogar das deutsche Netz-Feuilleton. Für den deutschen Sprachförster Bastian Sick, der im Online-Spiegel die verdienstvolle Kolumne "Zwiebelfisch" verfasst, ist die Redewendung von der "Faust aufs Auge" ein klassisches Beispiel für die Wandlungsfähigkeit der deutschen Sprache. Faust und Auge passen nicht zusammen, weil es höchst unangenehm ist, einen "Tschuk" aufs Auge zu bekommen. "Ein roter Rock zu orangefarbener Bluse?" - das passt "wie die Faust aufs Auge!". Der ironische Sprachgebrauch hat über Sätze wie "Das passt wie der Faust aufs Gretchen" zum Gegenteil der ursprünglichen Bedeutung und zur Kristallisation zahlloser Diskurse geführt. Ähnlich der Erkenntnis, dernach Schönheit ausschließlich im Auge der Betrachtenden liegt, meine ich in der Begegnung von Faust und Auge neben dem schmerzhaften deutschen Kern auch einen linden lateinischen Fruchtkörper auszumachen: In der Sprache Ovids und Catulls heißt "fausta" nämlich schlicht die "Beglückende".

Lesen Sie Frau Andrea als "Falter"-Buch! Mailen Sie Ihre Fragen an: frau.andrea@falter.at


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige