PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Schwul, schiach und kinderlos

Stadtleben | aus FALTER 03/04 vom 14.01.2004

... Nicht länger nennt man dich "die Verlassene" und dein Land nicht mehr "das Ödland" ...

Jes 62,1-5 (1. Lesung am 2. Sonntag im Jahreskreis, dem Fest der Hochzeit zu Kana eines Lesejahres C)

Ach, wenn doch irgendwer ein Mäuschen sein hätte können, um zu sehen, wie ich die letzten Wochen seit dem 24. Dezember verbrachte! Plötzlich brach alle Struktur zusammen, jetzt wird Ruhe sein, fiel ich wieder in die Weihnachtsfalle, wie alle Jahre. Keine Termine, keine Verpflichtungen, endlich die Post der letzten beiden Jahre öffnen. Die Hunderten Rechnungen ordnen und zahlen! Denn ich bin vermählt mit dem Fernsehen. Meine Einsamkeit wird von dessen armseligen Alltäglichkeiten zusammengehalten. Das Frühstücksfernsehen aus Deutschland. Das Kochen gleich nach den Nachrichten. Die Gerichtsshows, "Willkommen Österreich", Dominik Heinzl, wie ein Wiesel zappe ich mir mein Leben zusammen, das ein leerer Sack ist, und dann steht es zum Schein. Das trifft aber auch nicht die Wahrheit. Schwul und zum Sozialisiertwerden immer zu schiach. In Wahrheit tu ich das ganze Jahr nichts, weil immer irgendeine Pflicht besteht. Red ich dann einmal mit wem, falle ich gleich in Trance, gehorche der Stimme gegenüber. Wie ein Weizenkorn dem Boden, endlich Humus. Besteht übermorgen eine Pflicht, ein Termin mit einer Person, dann bin ich auf sie fixiert und mein Leben ist erfüllt, darauf zu warten, dass ich ihn nicht versäume. Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von freien Tagen. Wie klug ich auch werde, Weihnachten, Ostern und den Sommer verbringe ich in Todesstarre. Keinen Finger gerührt, kein Wurstpapierl aufgeklaubt. Alle Wäsche dreckig in Haufen, durch die die Mäuse toben und sich Fleckerl beißen für ihre nächste Entbindung. Die meisten leben in Gruppen und haben einander während der Feiertage zum Streiten. Ältliche Schwule leben einsam und kinderlos, verdämmern in ihren Wohnungen öd und wichsen noch ein Weilchen, bis sie auch damit aufhören und ins Pflegeheim kommen. Dort flackert noch ab und zu vom Gang herein die Barbara-Karlich-Show und watscht sie ins Grab.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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