PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Frühlingserwachen heuer brutal

Stadtleben | aus FALTER 04/04 vom 21.01.2004

... unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit mehr Anstand, während die anständigen das nicht nötig haben ...

1Kor 12,12-31a (2. Lesung am 3. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres C)

Einsamkeit beendet sich nur durch Obszönität. Sie ist das einzige Tor, zueinander zu finden. Also z.B. ein gemeinsamer Einbruch schweißt zusammen, oder ausgreifen. Oder Vortragende, Lehrkörper, Vorgesetzte hinterrücks schimpfen und vor ihnen buckeln schweißt ebenfalls sehr zusammen. Und gäbe es dieses "Unkürrekt" nicht, bliebe die Menschheit vereinzelt und einsam. Nur wen du ausgreifen darfst, gewinnst du zur Freundin, zum Freund. Das heißt, es ist auch eine Folge des Schirchseins, dass man einsam wird. Sodass die Sprache dann doch vom Hässlichsein zu sprechen beginnt, weil eine Wut entsteht, dass sich niemand von dir ausgreifen lässt, wirst du zornig, geschieht dies oft und schließlich ständig, erfasst dich der Hass, und dein Gesicht wird österreichisch. Das will ich aber nicht.

  Und heuer ist das Frühlingserwachen so früh. Nach dem Überfall der Weihnachtsstarre, so lange war heuer alles düster und in Dunkelheit gebauscht, und mit einem Mal kam das Licht. Eher das Licht als die Sonne, und es trieb alles aus in uns, und die Triebe waren da. Und wer da so schirch ist und niemanden zum Ausgreifen hat, oder wenigstens noch so ein kleines bisschen Kraft bzw. Mut über hat, sich in den Sadomasowirtshäusern zum Benütztwerden auszustecken. Also in Ketten oder Ähnlichem die Nacht über zu installieren, damit er gekrallt werden kann. Also wenigstens die Früchte eines obszönen Wartens ernten kann. Sich lächerlich machen, bloßstellen, aussetzen, wie das Allerheiligste, der ist wahrlich einsam. Kollege soll etymologisch daraus abstammen, dass jemand gemeinsam mit anderen auf der Stange saß, nebeneinander, beim Scheißen am Morgen. Und leicht die Backenhaare sich berührten dabei und ein bisschen sich streichelten und sich eine Gänsehaut bereiteten dabei bei den alten Römern, zumindest hab ich das wo aufgeschnappt.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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