KUNST KURZ

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 06/04 vom 04.02.2004

Schnittige Linien, braun gebrannte Gesichter, aufgekrempelte Ärmel und Strahler-80-Lächeln: Passend zur niedrigen Temperatur im ungeheizten Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek ist dort die Ausstellung "Schnee von gestern" (bis 30.4.) mit Winterplakaten der ÖNB-Sammlung zu sehen. Der Großteil der grafisch gestalteten Exponate stammt aus der Fremdenverkehrswerbung, die schon im letzten Jahrzehnt der Monarchie einsetzte, obwohl der Wintersport damals hierzulande - im Vergleich zur Schweiz - noch eine untergeordnete Rolle spielte. Der große Werbeschub und die allmähliche Konstitution von Österreich als alpine Skifahrernation setzte erst in den Dreißigerjahren ein. An den damals entstandenen Plakaten fällt ihre Modernität auf: Erfolgreiche Grafiker wie Josef Binder oder Arthur Zelger, aber auch der Tiroler Künstler Alfons Walde kümmerten sich um die Vermarktung der heimischen Berge. Einen sehr guten Einblick in die facettenreiche nationale Imagebildung bieten die spannenden kulturwissenschaftlichen Texte des Ausstellungskatalogs.

  Unter den Winterplakaten findet sich auch ein Sujet von Hermann Kosel, einem Wiener Werbegrafiker, dessen wichtigste Plakate gerade im MAK (bis 29.2.) gezeigt werden. Der Ausstellungstitel "The Holy Every Day" bezieht sich auf ein Manifest der Grafikergruppe um Julius Klinger, in dem die künstlerische Gestaltung des täglichen Lebens als höchstes Ziel proklamiert wurde. Kosel verfolgte einen reduzierten Stil, der sich geometrischer Formen bediente, aber auch humoristische Wendungen kannte. Seine besten Entwürfe entstanden vor der Flucht aus Österreich 1938, unter anderem für die Schuhfirma Humanic oder das Südbahnhotel am Semmering.


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