PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Gott und Karl Weidinger

Stadtleben | aus FALTER 06/04 vom 04.02.2004

... Der Saum seines Gewandes füllte den Tempel aus. (...) Da sagte ich: Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen (...) Da flog einer der Serafim zu mir: Er trug in seiner Hand eine glühende Kohle, die er mit einer Zange vom Altar genommen hatte. Er berührte damit meinen Mund (...) Danach hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich antwortete: Hier bin ich, sende mich!

Jes 6,1-2a.3-8 (1. Lesung am 5. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres C)

Der Burgenländer und Wiener Karl Weidinger ist auch Kolumnist der Quartalsschrift Quasi aus dem Uhudla-Verlag, der der Obdachlosenzeitschrift Augustin nahe steht. Kawei, wie seine Abkürzung heißt, - www.kawei.at - wurde als Briefträger, der er einmal war, gewaltsam entfernt und schrieb darüber seinen ersten Roman "Der Missbrauch des aufrechten Gangs". Ich kann keine Bücher mehr lesen. Aber ich gebe zu, wenn ein Buch von mir gedruckt wird, ja selbst über mich, berauscht mich das ungemein. Ich kann also nicht sagen, Kaweis Bücher sind schlecht, weil ich sie, wie alle anderen Bücher, nicht lesen kann. Es hat sich beinahe eine depressive Analphabetheit bei mir ausgebreitet. Darf ich schreiben, wenn ich nicht lese? Natürlich, wenn es wer druckt. Und ich schriebe ja auch keine einzige Zeile, wenn Montag gegen Mittag nicht Abgabeschluss wäre. Und vorige Woche hat mir Karl Weidinger sein neuestes Buch übergeben. In einem extravaganten, eleganten Format gehalten, in schweren Pappendeckel gebunden, massiv dick, die Seiten nicht nummeriert, kein einziges Satzzeichen im Buch, nur dort, wo vielleicht eines sein könnte, ein Leerraum. Es trägt den Titel "Kaweis Werbegang: die Verhaftung der Dunkelheit wegen Einbruchs".

  Also während in der Nationalbibliothek alles Papier sorgsam aufbewahrt wird und von dem allerersten bedruckten Zetteln an sicher alles bewahrt wurde, führt der Computer dazu, dass vielleicht nichts mehr aufbewahrt wird. Ich kann also fast nichts mehr systematisch lesen, war aber gerade jetzt am Wochenende in Berlin, um einem Verlag alle meine "Predigtdienste" zu übergeben, damit er sie faksimiliert. Bleiben dürfen, dauern, dabei sein, dazugehören.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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