VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 07/04 vom 11.02.2004

"Bei Beethovens Tempi verstehe ich keinen Spaß." Manche Titel merkt man sich. Dieser stand über einem Interview, das Christoph Winder mit Walter Levin, dem in Berlin geborenen und dann in die Emigration gezwungenen Gründungsmitglied und erstem Geiger des LaSalle-Quartetts führte. Dieses Ensemble war damals das weltweit führende Quartett für Neue Musik; was noch nicht hieß, dass seine Konzerte in Wien ausverkauft waren; Peter Oswald hatte seinen Falter-Propagandafeldzug für Neue Musik gerade erst begonnen. Aus dem Gespräch nur eine kleine Passage:

  Winder fragte: "Herr Levin, apropos Unsinn und Unfug: Wir werden hier (i.e. Hotelrestaurant) seit Beginn unseres Gesprächs mit Funktionsmusik berieselt. Stört es Sie, dass Musik dieser Art, aber auch die so genannte Populärmusik die klassische in ihrer gesellschaftlichen Präsenz weitgehend verdrängt haben?"

  Und Walter Levin sprach: "Wissen Sie, es hat keinen Sinn zu bejammern, dass sich die Welt in ihrer Struktur verändert. Man muss die Funktion der Veränderung zu verstehen suchen und die Notwendigkeit, die damit befriedigt wird. Mit Musik hat das, was wir hier hören (wir hören Neil Diamond) aber schon gar nichts mehr zu tun. Ein Physiologe oder Psychologe könnte Ihnen das besser erklären als ich. Es ist dies eine Form der Betäubung, die ich selbst einmal sehr nachdrücklich erlebt habe. Ich lag nach einer Knieoperation in einem Schweizer Spital, hatte starke Schmerzen und war sehr unglücklich." Dann aber hörte er im Radio ein schlecht gespieltes Klavierkonzert und vergaß vor Ärger eine halbe Stunde lang seinen Schmerz. Immerhin wurde zu dieser Zeit die Musikberieselung in der Wiener U-Bahn nach Protesten wieder eingestellt. Levin: "Was es nicht alles gibt." A. T.


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