STREIFENWEISE

Kultur | MICHAEL LOEBENSTEIN | aus FALTER 07/04 vom 11.02.2004

Schon der Filmpionier und Erfinder Thomas A. Edison hielt das Kino für ein ideales Medium, um Geschichte erfahrbar zu machen. Dass sich die Präsentation "lebendiger Vergangenheit" auf der Leinwand seit jenen Tagen zumeist zwischen ironischer Verblödelung und dramatisch aufgepeppter Groschenromantik bewegt, beweisen unter anderem auch "Shanghai Knights" (die Fortsetzung des Jackie-Chan-Wildwestklamauks von 2000) und "Luther", eine deutsch-amerikanische Co-Produktion über Leben und Wirken des deutschen Reformators. Innert zwei Stunden hetzt Joseph Fiennes in der Titelrolle durch die dramatisierte Biografie des Kirchenmannes; kein Wunder, dass frühere Dramatisierungen dieses Stoffes die Form des Fernsehmehrteilers gewählt haben.

  Der zweite Western dieser Woche, der dritte dieses Monats: "The Missing" (Regie: Ron Howard) ist ein zum Teil recht spannend geratener gothic western, der Elemente der Gespenstergeschichte im New Mexico des späten 19. Jahrhunderts ansiedelt. Eine verwitwete Farmerin (Cate Blanchett) bemüht im Versuch, ihre entführte Tochter nach Hause zu holen, die Hilfe ihres verschollen geglaubten Vaters (Tommy Lee Jones). Der ist vor Jahren freiwillig zum Apachen geworden, was die Suche erleichtert, sind die Entführer - der Zeitgeist lässt grüßen - doch selbst Apachen, die der US-Armee als Killer gedient hatten.

Der Western, hybridisiert, genderisiert (wir erfahren, dass Reiten während der Periode "unpässlich" macht) und ethnifiziert, er wird zum Container, in dem sich gegenwärtige soziale, spirituelle und politische Diskurse, symbolisch aufgeladen, entladen können: Den bösen Indio-Hexer besiegt die Kraft der Ökumene, der Glaube an die Familie eint die Ethnien, und böse Indianer landen in einem Straflager à la Guantanamo Bay.


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