AUFGEBLÄTTERT

Kultur | MARTIN DROSCHKE | aus FALTER 07/04 vom 11.02.2004

Der 1873 geborene Jakob Wassermann wählte für seine Werke gerne Schauplätze aus seiner Heimat. Das mag mit der Grund sein, weshalb der einst weltbekannte Autor immer mehr aus dem Gedächtnis verschwindet. Wer interessiert sich schon für ein nordbayerisches Kaff namens Kulmbach? Selbst in Franken hält man Wassermann nur halbherzig in Ehren. Denn seine Schilderung der dortigen Mentalität ist, gelinde gesagt, wenig schmeichelhaft. Im Nürnberg des Romans "Das Gänsemännchen" von 1915 wimmelt es nur so vor Kleingeistern, die unter dem Deckmantel bürgerlicher Moral Krieg gegen Individualisten führen. Ihr Opfer ist der Musiker Daniel, eine Figur, für die sich Wassermann bei Nietzsche bedient hat. Der Exzentriker klammert sich an eine Karriere, die es nicht geben wird, weil sie die Pläne einiger Personen mit Einfluss durchkreuzen würde. Meisterhaft reflektiert der frühe Roman Wassermanns ewiges Thema: die Spirale der Gewalt, die vom Kampf zwischen bürgerlicher Beschränktkeit und


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